Marathonstaffel auf dem Tempelhofer Feld

Der Hase holt mich in aller Frühe ab – von wegen senile Bettflucht, ich war am Vorabend auf einer Hochzeit eingeladen! – aber, da er ja immer noch ein wenig verstimmt ist, hoffe ich, ihn dadurch zu versöhnen, dass ich ihn nicht alleine im Hangar des ehemaligen Tempelhofer Flughafens Startnummern abholen, rumstehen und warten lasse. Ich hoffe, er weiß das zu schätzen.

Kurz nach uns trifft unsere wunderbare Organisatorin ein, die sogleich den Tisch-und-Bank-Verleih erblickt und eine Garnitur spendiert. Super! Weil noch kaum was los ist, können wir die in der zweiten Halle nach dem Start direkt an der Absperrung der Laufbahn aufstellen, ein Spitzenplatz, von dem aus wir prima jubeln können (und Schals, Mützen und Handschuhe abnehmen, die auf der zweiten Runde nicht mehr gebraucht werden, aber das wissen wir da noch nicht).

Von der Bühne ist undeutlich eine Durchsage zu hören, dass der Start verschoben werde – wir witzeln rum, dass es wohl am Nebel liegen muss, bei dem auf einem Flughafen eben nicht gestartet wird. Die Zuversicht, dass Kollege A. dann wenigstens seinen Einsatz nicht verpassen wird, wird sich leider zerschlagen, denn nicht die Staffel wurde verschoben, sondern irgendein anderer Lauf (Kinder? Schüler?). So kommt es, dass wir später die Teams spontan etwas neu mischen müssen. Ein kurzfristiger Ausfall macht es außerdem notwendig, einen darauf gar nicht eingestellten Kollegen aus dem Bett zu klingeln – toll, dass er sich so spontan auf den Weg macht.

Als erstes macht sich der Hase mit zwei Kollegen auf zum Start. Wir können von unserem Platz aus erkennen, wie in der anderen Halle die Hände aller Läufer in die Luft gehen. Der Startschuss fällt und sie laufen auf uns zu. Wow, sind die ersten schnell! Unsere drei Läufer brauchen ca. 2 Minuten, bis sie unseren Stützpunkt passieren – leider so fix, dass es mir nicht gelingt, den ersten zu fotografieren. Auch die anderen beiden Bilder werden keinen Preis für gelungene Sportfotografie bekommen, aber egal, verwackelt sieht vielleicht dynamisch aus. Die ersten laufen 12,195km in zwei Runden, so dass sie nach einer halben Stunde zum zweiten Mal vorbei kommen. Wir jubeln – und versuchen wieder zu fotografieren – dann machen wir Zweiten uns so langsam bereit für die 10km.

Mir gefällt die Wechselzone: da gibt es eine große Leinwand, die die Läufer 50m vorher zeigt, wir sehen sie also bereits, bevor sie ums Eck biegen. Am linken Rand laufen die Startnummern mit. Ein Erstläufer sucht verzweifelt seine Ablösung, also sowas, wie kann man ihn nur so warten lassen? Da kommt auch schon der Hase, klatscht mich ab und brüllt „Zeig’s ihnen, Igel!“ Das will ich tun und laufe los. Erstmal darf ich den Supportern an der Bankgarnitur zuwinken. Aus der Halle geht es hinaus, unter dem großen Vordach des Flughafens entlang, dann nach Osten, dann auf der nördlichen Startbahn zurück Richtung Gebäude. Der Flughafen ist ein Heimspiel, so gern bin ich hier im Sommer gelaufen!

Was mir auch sehr gut gefällt: sonst sortiere ich mich im Startblock immer nach bestem Wissen und Gewissen so ein, dass ich zwischen einigermaßen ähnlich schnellen bzw. eher langsamen Menschen laufe. Das ist hier anders: immer wieder werden wir von ganz schnellen Läuferinnen und Läufern der Spitzenteams überholt, die nur so vorbei fliegen. Das ist wirklich toll anzusehen und sehr unterhaltsam. Ich erinnere mich, dass ich letztes Jahr die Startbahn elend lang fand. Heute ist das ganz anders, irgendwie vertraut, denn ich weiß genau wie lang sie sich laufenderweise anfühlt. Vermutlich trägt aber auch der Ostwind dazu bei, dass mal wieder „am-Ende-flieg-ich-einfach-los“-Euphorie aufkommt.

Da ist auch schon die erste Runde vorbei, mir wird zugejubelt („Volle Kischde!“), ich werfe die Handschuhe der Kollegin über die Absperrung zu und bin auch schon wieder aus der Halle draußen. Von unseren drei Teams laufe ich in der Mitte. Ich rechne jeden Moment damit, von hinten überholt zu werden, hoffe aber gleichzeitig, den einzuholen, der da zwei Minuten vor mir starten konnte. Bei km 8 habe ich ihn. Ich fordere ihn auf, jetzt dran zu bleiben, aber das möchte er lieber nicht. Na gut, ich laufe jetzt einfach, so schnell ich kann weiter. Wunderbar, ich werde nicht eingeholt! Kurz vor den Teamzelten steht der Hase und brüllt mir zu, wer meine Ablösung sein wird – der, der eigentlich dran wäre, steckt noch in der U-Bahn fest. Aber wir sind ja flexibel. Nr. 3 ist nicht zu übersehen, mit beiden Armen winkend, steht er gleich vorne. Ich schicke ihn auf den Weg, umarme noch die Kollegin, die ebenfalls als dritte starten wird, und wünsche ihr viel Glück. Geschafft!

Am Tee- und Wasserstand treffe ich einige der anderen. So langsam kenne ich ja schon den Zustand, einen Lauf glücklich beendet zu haben, das Lachen und Erzählen, das Erlebte austauschen, wer wo den Wind gespürt/einen Hasen gefunden/Mühe mit der Wade gehabt/sich über die aus dem Nebel hervorbrechende Sonne gefreut/doch ziemlich geschwitzt… hat. Toll! Wer nie so einen Lauf mitgemacht hat, kann sich sicher gar nicht vorstellen, wie viel man sich da anschließend zu erzählen hat (und wenn, fände so jemand das bestimmt entsetzlich langweilig).

Ein bisschen was – ach was, gar nicht so wenig! – von der Euphorie war auch heute noch zu spüren, und ich freu mich schon aufs nächste Laufevent mit den Kolleginnen und Kollegen.

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