Sonntags auf dem Tempelhofer Feld

Der Plan sieht nur 14 km vor, die Sonne scheint. Für die urbane Läuferin, die sich im Vorfrühling ein Maximum an Sonneneinstrahlung bei einem Minimum an gefrorenem Wasser auf den Wegen erhofft, bietet sich da das Tempelhofer Feld an. Die Nachbarin, die ich im Treppenhaus treffe, findet es draußen sehr kalt, so dass ich schnell noch einmal umkehre und mir sicherheitshalber eine Mütze hole. Danke Frau Nachbarin, die war sehr nützlich!

Der Parkweg in der Mitte der Fontanepromenade ist noch schneebedeckt, das wird ja ein besonderes Laufvergnügen. Auch in der Hasenheide ist es nicht besser. Hubbeleis, im Schatten noch elend glatt, in der Sonne oben leicht angetaut, so dass sowas ähnliches wie Bodenhaftung möglich ist. Um wenigstens ein bisschen Steigung zu simulieren, nehme ich noch schnell die Rixdorfer Höhe mit. Hoch ist ok, runter extrem rutschig. Gut, das wäre also auch mal geübt.

Über den Eingang Oderstraße erreiche ich das Tempelhofer Feld und erblicke ein Ritterlager. Ich weiß ja, dass unser Hobby auch öfter mal als reichlich abwegig bestaunt wird, da sollte ich gestandenen Männern, die in Ritterkostümen mit Helm, Brustpanzer, Schild und Schwert lustige Übungen abhalten, aufgeschlossen gegenüber stehen. Es ist ja wohl einer der großen Vorteile der Großstadt: egal, wie ausgefallen die Vorlieben sind, es finden sich garantiert immer welche, die sie teilen. Die Ritter haben eine blaugelbe Standarte aufgepflanzt (so heißt das doch?) und sich in einem Quadrat von fünf Reihen mit je fünf Männern aufgestellt, man sagt wohl „in Reih‘ und Glied“. Der Oberritter hat den prächtigsten Umhang und brüllt die Unterritter gelegentlich an. Noch bewegen sie sich nicht, und ich hoffe ein bisschen, dass sie noch da sein werden und ein bisschen mehr Action bieten, wenn ich zurück komme.

Ich nehme den Weg außen rum gegen den Uhrzeigersinn. Die Sonne scheint, es ist warm, ich kann die Handschuhe ausziehen. Nur einen Moment brauche ich, um zu realisieren woran es liegt, dass die Entgegenkommenden einen ziemlich frösteligen Eindruck machen: der eisige Ostwind schiebt mich von hinten. Noch. Schon als er mich von der Seite trifft, ziehe ich die Handschuhe wieder an. Brrrr. Der südliche Rundweg ist stellenweise noch ziemlich verschneit bis verhubbeleist. Trotzdem kaum zu glauben, dass ich mich hier vor einer Woche noch im Schneesturm voran gekämpft habe. Ich werde von einigen Läuferinnen und Läufern überholt, aber da vor mir ist einer, der ist noch langsamer als ich. Komisch, vermutlich trainiert der ja auch langen langsamen Lauf, und ich brauche mir beileibe nichts darauf einzubilden, aber irgendwie macht überholen doch auch ein wenig Spaß.

Am östlichen Ende des Parks steht einer dieser fantastischen Toilettencontainer. Die sind wirklich wunderbar, immer in ziemlich gutem Zustand, es gibt Wasser aus dem Hahn und es ist nicht nötig ein 50-Cent-Stück für eine dieser sogenannten „City-Toiletten“ dabei zu haben oder in Lokalen betteln zu gehen. Nach einem kurzen Boxenstopp geht es mit dem Wind nach Westen. Ich laufe wieder mal auf dem weißen Strich in der Mitte der Startbahn – nur bei meinem heutigen Tempo will nicht so richtig das Gefühl aufkommen, ich könnte am Ende abheben.

Auf der nördlichen Landebahn bläst mir dann der Wind wieder kräftig entgegen. Es macht aber nichts, wenn ich noch langsamer werde, denn links gibt es wieder reichlich Unterhaltungsprogramm. Die Kitesurfer sind heute sehr aktiv, teilweise mit diesen Skateboards mit großen Rädern, teilweise auch noch mit Snowboards – wobei die Schneedecke schon ziemlich viele braune Flecken aufweist. Jemand hat mit einer Schablone auf den Asphalt ein ganz ordenliches blaues „Kite-Verbot auf der Landebahn“ gesprüht. Ich frage mich, ob das wohl eine bereits geltende Regelung oder eine Forderung ist. Die Form – ich meine gesprayt! – deutet schon auf eine etwas seltsame Mischung aus Spießigkeit und Spontitum hin. Aber ehrlich gesagt, habe ich mich auch schon manchmal gefürchtet, wenn weniger erfahrene Kiter etwas unberechenbare Manöver gefahren sind. Auf der Wiese sind sie mir irgendwie doch lieber.

Hurra, die Ritter sind noch da. Ich fühle mich sehr gut unterhalten, denn jetzt üben sie eine Art Schildkrötenpanzer: der Oberritter brüllt, die Unterritter klopfen mit ihren Schwertern gegen die Schilder, und auf ein zweites Kommando bilden sie einen Kreis und halten die Schilde nach außen. Sehr schön.

Ich drehe noch einen Viertelkreis, um den Ausgang am Columbiadamm in der Nähe der Lilienthalstraße zu nehmen. Ich komme an einem chinesisch anmutenden Pavillon vorbei, den ich noch nie wahrgenommen habe. Er gehört zum Berliner Shaolin-Tempel, und ein Hinweisschild verkündet, dass man hier kostenlos an Kampfkunstunterricht bei den Shaolin-Mönchen teilnehmen darf – oder durfte, die letzten Termine lagen schon vor dem Winter. Ob die das Programm wohl wieder aufnehmen? Denen würde ich auch gerne mal zusehen.

Der Heimweg durch die Lilienthal- und Körtestraße ist unspektakulär. Die Kreuzbergerinnen und Kreuzberger spazieren in Scharen, aber ich bin ja schon fertig und kann mich jetzt dem weiteren Sonntagsprogramm widmen.

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