Laufen unterwegs – Warschau

Um kurz vor acht stehe ich vor dem Lift. Hier herrscht schon der morgendliche Auscheck-Andrang. Leute stürzen sich samt Gepäck hinein, obwohl es noch nach oben geht. Nein, da nehme ich lieber die Treppe.

Ich bin in Warschau. Weil Pfingstmontag hier ein ganz normaler Arbeitstag ist, fängt mein Kurs erst morgen an. Ich bin extra einen Tag früher angereist, um heute ein bisschen die Stadt anzuschauen. Vor dem Hotel links laufe ich direkt auf den Kulturpalast zu. Ich verstehe echt nicht, dass der Reiseführer (zugegebenermaßen von 2002) über das Gebäude lästert. Klar ist das sowjetischer Zuckerbäckerstil, aber ich find’s toll (mal sehen, ob ich da nachher noch die Aussichtsterrasse finde). An der Nordseite geht es durch eine kleine Parkanlage – es duftet nach Linden. An der großen Straße nach Norden ist schon sehr viel Fußgängerberufsverkehr. Im Zickzack gelange ich bis zur nächsten Ecke zum Eingang in den Park Ogród Saski. Sehr schöne alte Bäume spenden Schatten, das ist sehr angenehm, denn es sind schon über 20°C und mir ist gut warm (ich denke an Strider, die bei Hitze Rekorde aufstellt und komme mir vor wie ein Weichei). Ein Läufer kommt mir entgegen. Kurz überlege ich, einfach ein paar Runden hier im angenehmen Schatten zu drehen, aber das geht nicht, ich habe schließlich eine touristische Mission: Sightrunning ist angesagt.
Unter dem Pavillon des unbekannten Soldaten stehen zwei seiner Kollegen und halten mit aufgepflanzten Bajonetten Wache. Irgendwie befremdet mich Militärfolklore immer ein wenig. Bajonette, also wirklich… Der riesige freie Platz vor dem Grab ist komplett leer und fast halb so groß wie der ganze Park.

Geradeaus zwischen den Häusern durch sieht es aus, als käme da gleich nichts – also der Fluss. Da will ich hin. So gleich ist es doch nicht, zunächst geht es hinab ins Flußtal – eine lustige Straßenschleife (die Brückenbauingenieure hatten bestimmt Spaß damit) und parallel eine Treppe für unsereins führen bergab. Noch eine Ecke weiter fließt die Wisła. Zwischen mir und dem Fluss eine sechsspurige Fahrbahn ohne Überweg. Etwas weiter rechts sehe ich wieder grün und laufe darauf zu. Ich kann zwar queren und ein Stück parallel zum Fluss laufen – aber die ganze Uferpromenade ist eine einzige Großbaustelle. Wer hier am Wasser flanieren – oder laufen – möchte, sollte in ein paar Jahren wiederkommen. Der Weg führt jetzt auf einem schmalen Bürgersteig zwischen Bauzaun und rauschendem Verkehr auf die nächste Brücke zu. Hoffentlich ist die Treppe nach oben nicht hinter dem Bauzaun. Ist sie nicht. Auf den Stufen steht eine leere Flasche Wodka, auf die schön ordentlich ein Stapel kleiner durchsichtiger Plastikbecher gestülpt sind. Hier wurde zumindest zivilisiert aus Bechern gesoffen.

Nach links geht es jetzt Richtung Altstadt. Es ist nicht zu glauben, dass hier alles platt gebombt war und wieder aufgebaut wurde. Die Altbauten sehen unglaublich echt alt aus. Wunderschön. Es muss hier großartige Handwerker geben. Zunächst geht es wieder eine Treppe hinauf, und ich lande direkt auf dem Platz vor dem Königspalast. Rechts geht es in die Altstadt hinein. Ob das Kopfsteinpflaster wohl alt geblieben ist oder auch neu verlegt werden musste? Auf der Nordostecke der Altstadt hat man ein bisschen Aussicht über die Stadtmauernanlage. Jede Menge leerer Flaschen legen den Schluss nahe, dass man hier auf Pfingsten tüchtig angestoßen hat. Durch kleine Straßen kehre ich im Bogen zum Königspalast zurück. Ich bin furchtbar hungrig, und heiß ist mir auch.

Ich fummle den kleinen Stadtplan (aus der Juni-Juli-Ausgabe von „Warsaw in your pocket“ herausgerissen – lag im Hotelzimmer) aus der Laufhose und orientiere mich. Durch die Senatorska-Straße komme ich wieder zum Park, von da ist es nicht mehr weit. Der Kulturpalast ist ohnehin schon von Weitem zu sehen. Ich laufe etwas abseits der Hauptstraße und sehe plötzlich in den Boden eingelassenes Metall – ein mehrsprachig beschriftetes Bronzeband zeigt den Verlauf der Ghettomauer an. Daneben ein Stein mit einem bronzenen Stadtplan. Das Warschauer Ghetto war im Vergleich zur Gesamtfläche der Stadt richtig groß! Eine Informationstafel informiert über Größe, Einwohnerzahl und Geschichte. Ein sehr schönes und trauriges Denkmal, das mich viel mehr mitnimmt, als dieses bewachte Grab vorhin.

Noch um zwei Ecken, da ist schon das Hotel. Im Zimmer noch dehnen, duschen, und dann nix wie ran ans Frühstücksbuffet. Tourismus erster Teil ist absolviert. Jetzt kann der zweite kommen.

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