Laufen unterwegs – der Wiler Turm

Am Nebentisch im Hotelfrühstücksraum unterhalten sich zwei Anzüge. Der eine erklärt dem anderen wortreich, dass er eigentlich am Vorabend unbedingt laufen wollte, aber dann war das Wetter so schlecht, und als es um acht besser wurde, war er schon wieder umgezogen, und da konnte er sich dann doch nicht mehr überwinden. Das Wort innerer Schweinehund fällt, und ich kichere still in mich hinein, denn mein Wetter war ganz anders.

Es stimmt, am Vorabend um 18 Uhr war eine dunkle Wolkenwand genaht, es schüttete wie aus Kübeln, aber von Anfang an war im Nordwesten ein heller Streifen am Horizont zu erkennen, um 19:00 Uhr schien schon wieder die Sonne.

Als der Regen dünner wird, ziehe ich mich um, und als ich das Hotel verlasse, bewegen sich am Himmel zwar noch hochdramatische Wolkenformationen, aber sie bewegen sich weg, und die Sonne setzt sich durch. Wunderschönes Licht!

Aus selbstverschusselten Gründen (Rechner im Büro gelassen) habe ich keinen Track auf der Uhr, hoffe aber dennoch irgendwie den Wiler Turm zu finden. Am Weiher finde ich ein Schildchen mit der vielversprechenden Aufschrift „Rundweg“, auf dem der Turm abgebildet ist. Eine Gruppe kleiner Mädchen in weißen Gewändern und roten Kopftüchern gruppiert sich in immer neuen Zusammenstellungen vor der malerischen Kulisse von Weiher und darüber liegender Altstadt und wird von einer ganzen Schar Eltern tüchtig fotografiert und gefilmt.

Der Weg führt bergauf, erst auf der Straße, dann auf einem Fußweg zwischen ziemlich schicken Eigenheimen und schönen Gärten entlang, dann geht es aus dem Ort hinaus und steil bergan. Die Aussicht Richtung Westen ist wunderschön – aber gegen die Sonne gelingt mir kein Foto, das die Erhabenheit des Anblicks auch nur ansatzweise transportiert. Der Weg führt in den feucht duftenden Frühlingswald, immer bergan, aus dem Wald heraus, da ist auch schon der Turm zu sehen. Vor mir kreuzt ein Läufer den Weg, er ist ziemlich flott unterwegs, während ich schon wieder schnaufe wie eine kleine Lok.

Wiler Turm

Der Wiler Turm ist ein sehr schöner Holzbau, Balken wurden in der Mitte aufgespießt und dann jeweils um eine Balkendicke spiralig gedreht, so dass zwei Treppen für Auf- und für Abstieg entstehen. Da man zwischen den Stufen nicht durchgucken kann, ist der Turm bestimmt auch für Leute mit Höhenangst einigermaßen gut geeignet. Oben genieße ich erstmal eine Weile den Rundblick, bis mir kalt wird, und ich wieder absteige.
Wil vom Wiler Turm

Die dicht stehenden Häuser hinter dem Rapsfeld in der Bildmitte sind die malerische Altstadt von Wil, die auf einem Hügel liegt.

Der Weg nach unten führt mitten durch einen Bauernhof. Auf dem Hof stehen zwei kleine Kindertraktoren mit Anhänger, die genauso aussehen, wie große, das finde ich wirklich zauberhaft. Aus dem Stall an der Seite offenen Stall schauen Kühe heraus.

Kindertraktor auf dem Bauernhof

Am Kornhaus steht eine Informationstafel. Das Haus war einmal Kornspeicher, dann Unterkunft für napoleonische Soldaten, später Armenhaus, jetzt wird es offensichtlich von Familien bewohnt, denn im Eingang hängen bunte Briefkästen und es liegt Spielzeug herum. Der Eingang ist interesssant, denn hinter dem Tor führt eine offene Wendeltreppe um einen kleinen Lichtschacht herum nach oben. Im Garten blühen schon viele Blumen, es muss schön sein, hier zu wohnen.

Der Rundweg führt mich am Krebsbach entlang zum Weiher zurück – der Bach führt viel Wasser und macht ein ganz schönes Getöse für so ein Bächlein. Am Weiher sind die weißgewandeten Mädchen mit den roten Kopftüchern der Sonne gefolgt, sie werden immer noch fotografiert. Was die wohl feiern?

Weil das bisher kilometermäßig noch gar nicht so viel war, umrunde ich die Altstadt links herum und hänge noch einen Schlenker nach Süden an meine Runde dran. Am Ende waren es immer noch erst 6,6 km, aber das macht nichts, erlebt habe ich genug für zehn.

Vo dr Alb ra*

Besuch bei den Eltern. Hier in der Gegend stehen überall Höhenmeter herum, aber um die Bilanz ein wenig zu schönen, frage ich meinen Vater, ob er mich vielleicht ein Stück zu einem geeigneten Startpunkt fahren könnte. Klar, sagt der. Super. Ich klickere mir eine Strecke bei gpsies.com zusammen: Start ist der Wanderparkplatz in Hülben auf der Schwäbischen Alb, von dort geht es mehr oder weniger an der Albkante und diversen Aussichtspunkten entlang, parallel zum Ermstal über Hörnle und Jusi zurück nach Riederich. Es sollen 18 km „langsamer Dauerlauf“ werden. Langsam? Garantiert, denn es sind zwar 395 Meter Höhendifferenz zu meinen Gunsten, aber dafür geht es insgesamt 343m hoch und 684m runter.

Nachdem wir uns auf einen Wanderparkplatz geeinigt haben (nein, nicht der am Segelflugplatz, der auf der anderen Seite, wenn man von Urach hochkommt), werde ich ausgesetzt und darf mich alleine nach Hause durchschlagen. Erst folge ich einem asphaltierten Weg, dann führt ein schmaler Weg schön oben an der Kante entlang durch Buchenwald, links geht es abwärts, an manchen Stellen polstert Buchenlaub den Weg. Das ist ein schönes Laufgefühl.

Buchenwald an der Albkante

Der erste tolle Aussichtspunkt heißt Buckleter Kapf, der Blick öffnet sich über das ganze Ermstal. Der nächstgelegene Ort ist Dettingen, dahinter Metzingen. Das in der Bildmitte ist der Metzinger Weinberg, der mir neulich noch hoch und steil vorkam. Irgendwie ist halt alles relativ.

Ermstalblick

Von hier aus geht es um ein Seitental, am Segelflugplatz vorbei über Seizenfels und Deckelesfels. Es läuft sich ganz wunderbar. Dann verpasse ich eine Abzweigung, die mich sanft ins Tal hinunter geführt hätte, stehe plötzlich an der Karlslinde auf dem Kienbein (hier gibt es einen Verteidigungswall aus der späten Eisenzeit). Die Aussicht ist wieder toll, dafür muss ich jetzt auf einem steilen Serpentinenpfad abwärts. Am Schillingskreuz ist tatsächlich eine Kreuzung, wo Wege nach Dettingen, Neuffen oder eben hoch aufs Hörnle führen. Das Kreuz ist ein Gedenkstein für einen Herrn von Schilling der auf der Bärenjagd verunglückte und an dieser Stelle starb. Danach geht es zuerst steil, dann wellig, dann nochmal ziemlich steil bergan. Nach rechts ist der Blick zum Hohen Neuffen sehr schön.

hohenneuffen

Das ist für die Flachländerin alles recht strapaziös, und so mache ich gelegentlich Foto- und Gehpausen, und irgendwann, als ein Vogel ganz wunderbar zwitschert, fällt mir wieder ein, dass ich diese App auf dem Telefon habe, Zwitschomat, das ist eine Art Vogelstimmen-Shazam. Die muss ich endlich ausprobieren. Da der Vogel freundlicherweise immer weiter fiept, gelingt es, den Gesang aufzunehmen. Die App denkt ein bisschen nach und liefert mir dann die Singdrossel. Großartig!

Das letzte Stück ist ziemlich steil. Ich höre wieder eine Vogelstimme – klingt nach Raubvogel. Aber bevor ich wieder das Handy aus dem Gürtel fummeln kann, sehe ich, dass da ein Mann auf einer Pfeife bläst. Ich sage ihm, dass ich ihn fast für einen Vogel gehalten hätte, da erklärt er mir, dass er so die Bussarde anlocken will. Die kämen dann angeflogen und versuchten, den Eindringling aus ihrem Revier zu verjagen.

An der Steigung finde ich den Buchenlaubteppich nicht mehr so toll, denn er ist dick und drunter sind Matsch und Steine, ich rutsche öfter mal rückwärts und fühle mich irgendwie instabil. Also gehen. Macht auch nichts, das soll ein langsamer Dauerlauf sein, da muss der Puls ja nicht die ganze Zeit unter der Schädeldecke pochen. Irgendwann ist der Aufstieg geschafft, oben auf dem Hörnle (707m) steht eine Infotafel, auf der beschrieben ist, dass das Hörnle fast nicht mehr da wäre. Auf der Neuffener Seite ist nämlich ein Steinbruch, und in den 50er Jahren gab es Pläne, den ganzen Berg abzutragen. Der Albverein agitierte tüchtig für den Erhalt der Natur, während das Zementwerk mit Arbeitsplätzen argumentierte. Eine Bürgerbefragung rettete 1956 den Berg.

Es geht wieder abwärts, sehr steil, steinig, matschig und buchenbelaubt, bevor die letzte größere Steigung auf den Jusi führt. Vom Weg aus sieht man noch den Steinbruch am Hörnle der seit den 70er Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Hier ist jetzt ein Naturschutzgebiet, über das eine weitere Infotafel informiert (jaha, ich nutze jede Gelegenheit, mich zu bilden kleine Pausen zu machen).

hoernle

Vom Aussichtspunkt auf dem Jusi sehe ich Riederich – da muss ich hin – das sind jetzt noch sieben Kilometer. Es fängt an zu tröpfeln, als ich Kohlberg hinter mir lasse regnet es gleichmäßig. Noch ein Wald, noch eine Steigung, aber den Gipfel des Florian lasse ich aus – da war ich schon am Donnerstag oben. So langsam schwächle ich wirklich – der von Waldarbeiten zerpflügte Forstweg erfordert so viel Konzentration, dass ich kaum merke, dass der Regen wieder aufhört. Der Weg wird flacher, dann geht es aus dem Wald heraus, den Fuß- und Radweg am Schäferhof vorbei, nach dem Ortseingangsschild unter der Bahn durch, einen letzten kleinen Buckel hoch – geschafft. Schön war’s!

* Übersetzungsservice: „Von der Alb herunter“ – den alten Witz von den drei Geißeln der Menschheit lasse ich jetzt einfach mal weg.

Laufen unterwegs – Drehwurmnavigation

Meine Lieblingsfunktion der guten alten, herztransplantierten Garmine FR 305 ist es, auf gpsies.com erstellte Strecken von unbekannten Gegenden draufzuladen und dann abzulaufen. Das kleine Display zeigt eine sich windende schwarze Linie, die treffend benannte „Wurmnavigation“, es gibt darauf einen winzigen Pfeil, der in Laufrichtung zeigt, und wenn ich vom rechten Weg abkomme, fiept Garmine vorwurfsvoll, so dass ich den Kurs korrigieren kann.

Bevor ich auf Reisen gehe, suche ich immer interessant aussehende Strecken oder bastle mir meine eigenen, die dann praktischerweise direkt von meinem Hotel starten und mich wieder zurückführen. So auch letzte Woche, Arnstadt im schönen Thüringen war das Ziel. Der einzige Haken an Dezemberreisen sind die Lichtverhältnisse auf der Nordhalbkugel: vor und nach Feierabend ist es noch oder schon wieder dunkel, Läufe im Finstern durch unbekannte Wälder sind nicht so mein Ding. Nun ist Arnstadt nicht besonders groß, um also ein paar Kilometerchen ins Kopfsteinpflaster zu brennen, muss es schon kreuz und quer durch die Stadt gehen. Auf Gpsies sieht das super aus, es hat richtig Spaß gemacht, mir zu überlegen, wie ich möglichst viele Gassen, Tore und Kirchen der malerischen Altstadt berücksichtigen kann – der Lauf würde ein touristisches Highlight werden.

Kreuz und quer durch Arnstadt

Meine Kursteilnehmer an dem Tag sind fix unterwegs, das heißt, als ich nach Feierabend aus dem Hotel trete – Hotel Krone am Bahnhof, auf historischen Postkarten als „Erstes Haus am Platz“ gerühmt – wird es gerade erst dunkel. Garmine habe ich schon auf dem Fensterbrett nach Satelliten suchen lassen, ich brauche mich also nur in Bewegung zu setzen. Bis zum Stadtzentrum ist es leicht, auch der Neideckturm am Schloßplatz ist sehr leicht zu finden und schön angeleuchtet, so habe ich mir das vorgestellt. Es geht erst nach Süden, dann nach Westen aufs Riedtor zu – dort erkenne ich auf dem Display, dass ich dort später noch einmal von innen vorbei kommen werde. Aber noch bleibe ich außerhalb. Nach einer weiteren Schleife nach Süden halte ich mich parallel zur ehemaligen Stadtmauer, es geht ein wenig bergan, dann durch eine Villengegend abwärts zur Wilden Weiße, einen knappen Kilometer am Wasser entlang, dann wieder altstadteinwärts – und ab da wird es schwierig. Der Zickzackkurs durch die Altstadt sorgt dafür, dass der Wurm auf meinem winzigen Display einfach nicht mehr eindeutig zu erkennen ist, ständig beißt er sich in den Schwanz, kreuzt sich, ringelt sich um Kurven, so dass ich vollkommen die Orientierung verliere. Hui. Wäre ich in dem Moment etwas souveräner und abenteuerlustiger, würde ich die Uhr Uhr sein lassen und nur noch nach Gefühl laufen. Aber dazu bin ich manchmal zu zwanghaft – jetzt hatte ich mir schon diese 9km rausgesucht, jetzt will ich sie auch laufen – außerdem bin ich inzwischen zu desorientiert. Keine Ahnung, wo der Bahnhof ist. So kommt es, dass ich sehr häufig anhalten, das Licht an der Uhr einschalten muss, rausfinden, wo es jetzt langgeht, so dass beinahe die Schönheiten der Altstadt meiner Aufmerksamkeit entgehen. Nicht ganz, der Marktplatz ist sehr schön beleuchtet, ich nehme auch Liebfrauen-, Ober- und Bachkirche wahr und freue mich, als ich das Riedtor von der anderen Seite wieder erkenne. Die finstere Gasse an der Hohen Mauer ist zudem ziemlich abenteuerlich – aber wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich zu einem nicht geringen Anteil meines Kopfs mit der Uhr befasst.

Als ich wieder im Hotel bin, muss ich ein bisschen über mich lachen – tststs, was hänge ich auch dermaßen an der Technik? Nächstes Mal lasse ich das mit der Uhr vielleicht und laufe einfach nur so kreuz und quer durch die fremde Stadt. So lange, bis ich keine Lust mehr habe, dann frage ich nach dem Bahnhof. Vielleicht…

Laufen unterwegs – Frühling in Winterthur

Kurz vor Abreise hat Knopf_13 mir aus einer großen Misere geholfen. Weil das Garmin-Plugin für gpsies.com nicht mehr geht, und es mir nicht geglückt ist, mit diesem doofen Garmin Connect Strecken auf die Garmine zu schubsen – immer und immer wieder Fehler bei der Synchronisation – war ich schon ziemlich verzweifelt: eine nahende Reise und keine schicken Strecken auf der Uhr. Ja, ja, vielleicht sollte ich viel spontaner sein, aber echt mal, mit dieser Wurmnavigation auf der Uhr renne ich viel unbeschwerter in unbekannten Wäldern rum. Jedenfalls hat Knopf_13 gewusst, dass es mit dem guten alten Trainingscenter noch geht. Ich also die Uhr präpariert, nach Zürich geflogen, sofort eine Bahn nach Winterthur erwischt und schon gegen elf im Hotel eingecheckt. Super, da komme ich ja früh los. Musste dann aber doch erst noch eine Kleinigkeit zu essen jagen und ein Nickerchen machen, das mache ich sonst nie.

Um halb zwei geht es endlich los, Plan ist es, vom Bahnhof aus nach Süden bis zur Töss, dann durchs Tösstal bis Sennhof und in einem großen Bogen um den Eschenberg zurück Richtung Winterthur zu laufen. Schon der Weg aus der Stadt ist unglaublich. Was der Frühling hier treibt, ist mehr als üppig. Bäume und Büsche blühen wie verrückt, in den Mischwäldern ringsum mischen die jungen quietschgrünen Buchenblätter die dunklen Tannen so richtig auf, dazu Sonne, kurze Laufklamotten und etwas, woran ich gar nicht mehr gedacht hatte: Mittagshitze! Stimmt ja, viele versuchen in der warmen Jahreszeit lieber früh oder später zu laufen. Ich genieße die Sonne auf der Haut, bekomme aber schon nach einem Kilometer Durst. Das muss mental sein. Macht aber nix, denn am Straßenrand plätschert Wasser aus einem Rohr in ein kleines Becken. Super Service!

Der Weg verlässt die Straße und folgt der Töss stromauf. Alle paar Meter gibt es flache Staustufen, höchstens dreißig Zentimeter hoch, aber es geht stetig sanft bergauf. Der Fluß plätschert, die Winterthurer Bevölkerung erholt sich spazierend, wandernd oder radelnd – wobei der Unterschied zwischen den ersten beiden Aktivitäten deutlich durch die Wahl des Outfits demonstriert wird. An allen mit Steinen befestigten Feuerstellen, werden Feuerchen gemacht, zum Teil mitgebrachter Proviant an Stecken darüber gehalten. Es ist ja dermaßen schön hier! Eine überdachte Brücke sieht aus wie in „Die Brücken am Fluß“. Sie hat auf jeder Seite zwei Fenster, an die von innen Trittleitern angebracht sind, so dass die Touristin hochkletterten und auf den Fluss schauen kann. Mach ich natürlich. Einmal muss ich auch unbedingt ans Ufer hinunter steigen und ins Wasser fassen, es fühlt sich großartig an. Im Gras gibt es leuchtende Löwenzahnsonnen und neongrüne kleine Blumen, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen. Der Wald riecht warm nach Moos und stellenweise nach Bärlauch. Den halte ich übrigens für total überbewertetes Modegemüse.

Die Töss macht schöne Mäander, aber dennoch bin ich viel zu schnell in Sennhof, wo ich den Flußlauf verlasen soll. Es kommt mir ein bisschen langweilig vor, den Eschenberg einfach nur zu umrunden, wo es oben doch einen Aussichtsturm geben soll. Bei Googlemaps sah es vorher auch aus, als gäbe es so viele Wege auf und über diesen Berg, dass eine sich gar nicht verlaufen kann. Kurzentschlossen biege ich in einen Weg ein, der bergan führt.

Das Rauschen des Wassers hört auf, Vöglein zwitschern im Wald, und chillige Loungemusik erklingt. Hä? Die Töne kommen aus einer nach vorne hin offenen Wetterhütte, in der es sich drei männliche Jugendliche mit einer Shisha gemütlich gemacht haben. Die Schweizer Jugend mit augenscheinlichem Migrationshintergrund ist sehr höflich und spendiert mir ein freundliches Grüezi. Ich schnaufe bergauf, langsam, in kleinen Schritten, aber laufend. Ein Bächlein kommt mir entgegen, ich beschließe, dass das Wasser trinkbar ist (mindestens einmal…), finde es sehr köstlich und schwappe auch eine Handvoll über den Kopf.

An einer Wegabelung bin ich nicht sicher, in welche Richtung es wohl mehr bergauf und vor allem hoffentlich Richtung Aussichtsturm geht. Wanderwegweiser gibt’s keine, nur Wegbezeichnungen auf Holzschildern für die Waldwege, die mir natürlich gar nicht weiter helfen. Vielleicht links, da sieht es steiler aus. Plötzlich höre ich Gebimmel, laut, hoch und tief und vielstimmig. Sind das Kuhglocken? Hoffentlich komme ich bei den Kühen vorbei, das müssen viele sein. Ich frage ein Wandererpaar (Outfit!) nach dem Weg zum Aussichtsturm, und die Frau sagt, das sei aber weit. Der Mann sagt, so weit auch wieder nicht, und er weist mir die Richtung. Da vorne habe es ein Fescht, da geht es rechts hoch und dann in diese Richtung. Der Weg führt erst ein bisschen bergab, dann aus dem Wald hinaus und glücklicherweise an der Weide der lauten Kühe vorbei. Wunderbar, muss gleich mit dem Handy eine kleine Tonaufnahme machen, das klingt großartig!

Auf einer Anhöhe stehen Menschen mit dem Rücken zu mir, die dadurch logischerweise alle in die gleiche Richtung schauen. Ich muss unbedingt wissen, um was für ein Schauspiel es sich handelt, laufe direkt darauf zu und steige durch eine Absperrung aus Flatterband. Das war nicht so ganz korrekt, denn eigentlich kostet das da Eintritt, und der Eingang ist auf der anderen Seite. Aber eine Läuferin in kurzen Hosen ist ganz offensichtlich unsichtbar, denn alle verfolgen aufmerksam das Spektakel in der Mitte. Dort sind drei Kreise von vielleicht sieben Metern Durchmesser dick mit Sägemehl bedeckt. In der Mitte je zwei junge Männer, die über der langen eine kurze Hose aus Sackleinen tragen, an der sie sich gegenseitig packen und versuchen zu Boden zu ringen. Dieser Sport heißt Schwingen und ist ein Nationalsport. Ein kleines Mädchen sammelt „leere Flaschli“ in einen Kasten, was ich sehr niedlich finde. Ich schaue eine Weile zu und verlasse den Festplatz durch den Eingang.

Der Eschenbergturm ist 30 m hoch, eine Wendeltreppe führt über mehrere Plattformen nach oben. Alles wirkt sehr transparent und ein ganz bisschen ist es mir unheimlich. Auf der Plattform ist schwer was los, die Aussicht ist großartig, Schneeberge im Süden, ringsum der hell-dunkelgrüne  Wald, im Norden Winterthur. Ein Flugzeug, das gerade auf dem Zürcher Flughafen gestartet ist, wird aufmerksam beobachtet. Ist das Riad fragt einer? Nein, Emirates, sagt ein anderer, und die Umstehenden stimmen zu, ja genau, Emirates. Sind das hier Planespotters? Ich steige wieder hinab und laufe Richtung Stadt zurück. Jetzt geht es nur noch bergab, erstmal Waldautobahn, aber zum Glück zweigt ein netter Trimm-dich-Pfad ab, der heutzutage Vitaparcours heißt, und mich ganz in der Nähe meines Ausgangspunkts wieder ausspuckt.

Am Bahnhof gibt’s ein fettes Belohnungseis, wobei das ein völlig irreführender Ausdruck ist, denn eigentlich war der Lauf ja schon eine Riesenbelohnung, wofür auch immer.

Laufen unterwegs – Feierabend in Dortmund

Die Vorbereitungen für den nächsten Tag, an dem mein Kurs erst beginnt, dauern nicht lange, um halb fünf habe ich auch alle E-Mails bearbeitet und kann Feierabend machen. Um zehn vor fünf bin ich im Hotel und wechsle von Business- in Laufklamotten. Leider hat Garmine die zuvor ausgetüftelte Strecke nicht entgegen genommen, weder zu Hause noch jetzt mit dem Arbeitsrechner. Grummel. Dann muss eben die gpsies-App ran, was nur die zweitbeste Lösung ist, denn das Fon trage ich nun mal nicht um den Arm, sondern in einem Gürtelumschnalltäschchen, und das Rausfummeln ist eher lästig.

Das Hotel liegt am Königswall, der Ringstraße, die alle paar Hundert Meter den Namen wechselt. Mit Straßenschildern ist Dortmund übrigens eher sparsam, es gibt viele Ecken, wo die ortsfremde Läuferin ganz schön suchen muss. Es geht also auf dem Wall entlang bis zur Geschwister-Scholl-Straße, stadtauswärts unter einer Bahnlinie durch und gleich wieder rechts in die Güntherstraße.

Die geht in einen Fußweg über, der zwischen einem zerfallenden Industriegebäude und einem hohen Zaun verläuft, hinter dem ein Hund unfreundlich bellt. Dann wieder Straße, und dann kommt ein echtes Highlight urbaner Laufstrecken: eine Treppe führt nach oben auf einen stillgelegten Bahndamm, auf dem ein Lauf- und Spazierweg als grüne Linie in einem schönen Bogen mitten durch die Stadt führt. Die Vöglein zwitschern, Hunde werden ausgeführt – alle ganz friedfertig, manche setzen sich auch brav neben Frauchen, bis die Läuferin vorbei ist. Ein echtes Idyll. Am Ende bin ich ganz enttäuscht, dass schon Schluss ist, zumal es auch wieder Fon-Gefummel und kurz planloses Rumstolpern braucht, bis ich die Fortsetzung finde: eigentlich brauche ich nur ein Straßendreieck queren, da geht der tolle Bahnlinienspazierweg weiter. Dieses Mal verläuft er nicht auf dem Damm, sondern in einem Tal, auch sehr schön. Ein Stück vor mir läuft eine Frau, sie ist ein kleines bisschen schneller unterwegs und entfernt sich langsam.

Die zuvor ausgetüftelte Abzweigung verpasse ich, aber das macht nichts, mithilfe des Fons finde ich die Emscher, an der entlang ich in den Westfalenpark laufen will. Der Plan ist nicht schlecht, ich finde auch einen Eingang, aber der Kassenautomat nimmt meinen Laufhosen-Notfall-Fünfer nicht an. Ich drehe und wende ihn mehrfach in alle Richtungen, versuche die Knicke zu glätten, aber es hilft nichts, vielleicht wurde er schon zu oft mitgewaschen. Weit und breit kein Mensch, den ich um Wechselgeld anhauen könnte. Egal, dann eben ein Stück zurück und über eine Emscherbrücke aufs Südufer. Hier ist es auch schön, die Emscher rauscht sogar ein wenig. Ein Läufer kommt entgegen, wir nicken einander zu. Als der Weg an einem großen Parkplatz endet, muss ich halt den Westfalenpark auf der Straße umrunden, auch nicht schlimm.

Selbst, als es dann an der sehr befahrenen Ruhrallee entlang wieder stadteinwärts geht, macht mir das gar nichts aus. Naja, ich verlasse sie dann doch recht bald wieder und suche mir einen Weg durch kleinere Seitenstraßen. Zum Schluss geht es noch einmal mitten durch die Altstadt. Inzwischen bin ich sehr hungrig, und mir fällt auf, dass die Dönerbudendichte gigantisch ist. Ehrlich, so viele Dönerläden gibt es nicht mal am Kottbusser Tor. Aber jetzt gibt’s noch nichts, erstmal kurz ins Hotel laufen, dehnen, duschen, anziehen. Dann habe ich mein Abendessen aber auch verdient. Es war übrigens kein Döner.