Laufen auf Reisen – Nordhessen

Damit die Etappen auf der Reise in den Wilden Süden nicht so lang sind, unterbrechen wir die Fahrt in Bad Wildungen (die kleine Mitbewohnerin blödelte vorher dauernd rum, dass es Titouli und mir womöglich helfen könne, nach Bad Bildung zu fahren). Der erste Eindruck beim Gang durch die Altstadt mit ihren schiefen, hübsch renovierten Fachwerkhäusern: malerisch, sehr malerisch. In einem ruhigen Café hinter der Kirche befragen wir erstmal das Internet nach einer Unterkunft (früher sind wir immer einfach losgezogen und haben direkt gefragt, ob was frei ist). Als die bezogen ist, werfe ich mich gleich in Laufsachen, wer weiß, wie lange die Gastronomie hier Abendessen serviert.

Ich laufe stadtauswärts auf den Homberg zu. Bereits im Kurpark fällt mir auf, dass ich vergessen habe, vorher noch einen Schluck Wasser zu trinken. Das macht in einem hessischen Kurort aber nichts, denn ganz zufällig komme ich an einem Gebäude vorbei, an dem vorne ein kleines Becken mit zwei Wasserauslässen angebracht ist. Auf Knopfdruck soll hier „Waldquelle“ oder wahlweise „Georg-Viktor-Quelle“ sprudeln. Infotafeln erklären, was im Wasser drin ist, und wogegen es hilft. Nur „Waldquelle“ funktioniert. Das Wasser ist ein bisschen sauer und sprudelig, schmeckt sehr gut. Weiter geht’s. An fast jedem Laternenmast hängen kleine Schilder von Lauf- und Wanderwegen, Laufroute 2, 5, 8, Wanderweg 1, 5, 6, Nordic Walking Strecke 36, 37, 38. Wenn ich jetzt noch wüsste, wie lange die sind und wo sie hinführen, könnte ich mich vielleicht entscheiden. Muss ich aber gar nicht. Der Weg führt in den Wald hinein, es riecht gut, die Vögel singen, Laufen macht Spaß. An der Reinhardshöhe zeigt der Laufwegweiser geradeaus, um den Berg herum. Och nö, wenn ich schonmal eine Anhöhe zur Hand habe, gehts da auch rauf. Am Anfang geht das noch leicht. Ich schnaufe zwar, trabe aber langsam und stetig bergan. Na bitte, ist doch gar nicht so schlimm. Nach einer Weile fürchte ich, mit dem Geschnaufe die Waldtiere zu erschrecken, dann lässt der Wille nach, unbedingt bis oben durchzulaufen, dann die Motivation, es aber mindestens bis zur nächsten Wegbiegung zu schaffen. Erwähnte ich schonmal, dass es bei mir mit dem Beißen nicht sonderlich weit her ist? Egal, eigentlich ist Regenerationswoche, dann gehe ich eben bis zur Biegung. Das aber zügig, jawoll. Hinter der Biegung steht eine Aussichtsbank. Die Aussicht funktioniert aber nur im Winter, wenn keine Blätter da sind. Na gut, dann eben nicht Aussicht, sondern antraben. Neben dem Weg wächst hoher lila Fingerhut. Man könnte alle Finger beider Hände in die üppigen Blüten stecken. Wäre das schon giftig? Nicht, dass ich es tun wollte. Nach einigen weiteren Kurven bin ich oben. Auf dem Homberg, 518m, seit 1882 mit einem Aussichtsturm versehen. Da muss ich auch noch rauf. Schnaufend komme ich oben an. Ein Fotograf steht auf der Plattform und findet die Sicht nicht gut genug. Vielleicht nicht zum Fotografieren, zum Schauen ist es ganz wunderbar. Vor uns Bad Wildungen, die kreisrunde Altstadt ist gut zu erkennen, drum herum Wälder und Hügel, das da im Norden muss der Kellerwald sein.

Nach einer kurzen Pause steige ich ab und trabe wieder an. So, es geht abwärts. Auch das bin ich nicht gewohnt, und versuche mich zu erinnern, was ich übers Bergablaufen gehört habe. Hüfte vor, die Füße nicht vor dem Körperschwerpunkt aufsetzen? „Rollen lassen“ schreiben die bei Jogmap immer. Nicht zu doll bremsen. Geht das? Volle Konzentration! Es geht, es macht Spaß. Ein Wegweiser zeigt zur Frühstücksbuche. Weshalb die wohl so heißt? Ob sie unter all den Buchen hier wohl überhaupt zu erkennen ist? Ist sie, es hängt eine Tafel dran. Sie ist auch ziemlich groß und formschön. Zum Frühstücken steht eine Bank drunter. Der Radler, der drauf sitzt, hat aber keinen Proviant bei sich. Er grüßt freundlich, ich grüße zurück, und schon bin ich vorbei gerollt. Am Weg steht ein geschnitzter Storch, dem jemand ein rotweiß gepunktetes Halstuch umgebunden hat. Nach einigen Kurven höre ich das ploppende Geräusch von Tennisbällen auf Sandplatz, und da ist der Wald auch schon zu Ende. Ein Fußweg führt am Bornebach entlang durch den Kurpark Richtung Stadt. Da stehen weiße Holzliegen auf Beinen aus dicken Stahlfedern, wie sie die Wackeltiere auf Kinderspielplätzen haben. Die geben dem Wort Federbett eine ganz neue Bedeutung. Neben einer Bank steht ein gebogenes dickes Edelstahlrohr mit einem waagerechten Trichter am oberen Ende. Ich frage die älteren Frauen auf der Bank, was das ist. „Da können Sie hineinsprechen“ sagt die eine. Ich halte an, sage „Hu“ in den Trichter und höre ein Echo. „Das ist ein Echo“, sagt die andere. „Dass Sie dafür Zeit haben“, sagt die erste. Ich muss lachen. „Ich habe Urlaub“, sage ich, sie absichtlich missverstehend, und trabe wieder an. Der Trichter gehört zu einem „Garten der Sinne“, dessen weitere Stationen ich aber links liegen lasse. Bei der nächsten Gelegenheit nehme ich den barrierefreien Serpentinenweg (gerade durch gäbe es auch eine Treppe) aus dem Tal nach oben Richtung Brunnenallee, da bin ich auch schon am Ziel.

Wien

Vorspann 1 – mit Erläuterungen zum Thema Hochstapelei

Dass ich dieses Jahr zum Hermann will, ist schon lange klar, spätestens, seit der Kollege aus Bielefeld uns nach dem CeBIT-Run 2012 praktisch alle eingeladen hat (nur sind die anderen Kollegen inzwischen alle abgesprungen). Nun hat aber Titouli sich zum Wien-Marathon angemeldet und gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte. EIGENTLICH will ich erst gar nicht – und gegen Marathon spricht nicht zuletzt der Hermann. Aber in Wien kann man ja auch Halbmarathon laufen, und vielleicht wäre das ja ganz schön. Als ich mich anmelden will, ist der Halbmarathon ausverkauft. Am selben Tag postet Bbubu auf Jogmap, dass er einen Gutschein für Wien übrig hätte, und irgendwie bin ich vom Glück geküsst, denn ich bin die erste, die ihn haben will und bekomme ihn auch – hier noch einmal: Danke, @Bbubu, vielen lieben Dank! Da steh‘ ich nun, mit einem Startplatz. Klar kann man damit auch HM laufen, aber irgendwie reizt es mich doch… Weil ich ja durchaus Erfahrung mit Überlastung habe, entscheide ich mich für den ganz langsamen Marquardt-Plan, mit viel Zusatzsport, Schwimmen, Rumpfstabi, Lauf-ABC und halte mich recht ordentlich dran. Ich kündige allen an, dass ich sofort aufhören will, wenn es irgendwo ziept. Aber es ziept nicht. Ehrlich gesagt, verrate ich einigen Leuten auch gar nicht erst, dass ich mit dem Gedanken an die volle Strecke spiele… Aber die Vorbereitung läuft, trotz Eis und Schnee, trotz eines kleinen Infekts. Zum Hermann sind wir natürlich auch gemeldet – immer mit etwas schlechtem Gewissen wegen der Gräten und immer mit dem Gefühl eigentlich eine Hochstaplerin zu sein.

Vorspann 2 – Ausflug!

Im Nachtzug nach Wien reisen ist toll – ich liebe Bahn fahren, und ein Schlafwagen, in den auf der Strecke nach Dresden erstmal die untergehende Sonne scheint, ist einfach großartig. Am Freitag früh sind wir da, holen die Startunterlagen, betreiben moderaten Tourismus (viel Kaffeehaus, wenig Strecke) und kommen bei Titoulis Ex-Kollegen M. ganz zentral unter. Der ist nebenbei noch Jazzmusiker und hat am Samstag zu einem kleinen Hauskonzert geladen, denn die andere Läuferin, die auch bei ihm zu Besuch ist, kann ganz wunderbar singen. Geht’s uns gut!

Hauptteil – Marathon

Auch in Wien fahren am Sonntag früh fast nur Menschen mit den gewissen Kleiderbeuteln in der U-Bahn. Schon da kommt ein wunderbares Gefühl auf, es ist Marathon. Und wir fahren hin. Das Wetter ist traumhaft, die Kulisse vor der UNO-City fantastisch, und dann kommt, während wir unseren Kram in den Kleiderbeuteln verstauen, eine Person mit einem kleinen Schild „Top Athletes“ und direkt danach Haile und all die anderen Spitzenläuferinnen und -läufer auf dem Weg ins VIP-Zelt. Wir Hobbyläufer applaudieren und ich habe schon wieder Gänsehaut. Als die Beutel abgegeben sind, fragt mich Titouli, wo eigentlich meine Uhr sei – er denkt, ich hätte sie eben mit den Klamotten abgegeben und müsse sie halt zurück holen. Aber nein, so ist es nicht, ich Rind hab‘ sie tatsächlich auf dem Nachtschränkchen bei M. liegen gelassen. Arme Garmine, schon wieder allein zu Haus.

Wir stellen uns in den schwarzen Startblock (das wäre in Berlin H wie „hinten“), wo leider von der Musikbeschallung, die es weiter vorne gibt, fast nichts zu hören ist. Da hätten sie aber mal ein paar Lautsprecher mehr spendieren können, zumal die Musik hier wirklich anders ist als anderswo – Klassik, sehr stilvoll! Im Schatten ist es noch kalt. Irgendwann geht es los, das finde ich etwas unspektakulär, so ohne Musik und Luftballons, als es aber über die Donaubrücke geht, bin ich doch ziemlich ergriffen. Am Eingang zum Prater stehen seltsame Schilling-Nostalgiker mit einem „Raus-aus-Europa“- und einem „Marathon statt Banken-Run“-Transparent (hö?) Von solchen Leuten will ich mich ja nicht vereinnahmen lassen und rufe ihnen ein herzliches „Europa!“ zu, einige Läufer lachen. Es geht durch den Prater – noch gibt es keine Blätter an den Bäumen, aber Knospen, die aussehen, als würden sie jeden Moment explodieren. Wir sind eher langsam unterwegs, aber das soll so sein. Genießen und gesund ankommen.

Zuschauer gibt es nicht sehr viele, auch nicht, als wir am Donaukanal Richtung Innenstadt laufen, aber da kommt uns die Spitze entgegen. Wahnsinn, wie die fliegen! Die sind schon bei KM 28 oder so, wir haben gerade mal 9 zurückgelegt. Gelegentlich steht da ein Wagen mit Lautsprechern drauf, hmm, die Live-Musik-verwöhnte Berlinerin reißt sich zusammen und findet auch Konserve fein. In der Innenstadt wird es etwas belebter. An der großen Kreuzung Schwarzenbergplatz spielen sie Walzer – ich versuche Laufschritt und Walzertakt zu vereinbaren, aber das klappt eher bedingt. Vor der Oper, wo die große Leinwand hängt, und wo eine Trommelgruppe trommelt, drängt sich das Publikum, hier werden wir angefeuert! Am Naschmarkt biegt Titouli in eine öffentliche Toilette ab – das will ich auch, aber die Damenabteilung hat geschlossen. Ich fühle mich etwas diskriminiert und laufe weiter. Auf der linken Wienzeile steht unser Gastgeber fotografiert und jubelt uns zu – eigentlich muss der heute am Schreibtisch sitzen, er ist extra für uns an die Strecke gekommen. Danke! Es geht Richtung Schönbrunn. Weil die Straße sich schlängelt, sehen wir den langen bunten Läuferlindwurm vor und hinter uns. Naja, eher vor uns. Fast alle um uns herum haben die Startnummern des HM – ob nachher wohl überhaupt noch jemand übrig ist, der mit uns die zweite Hälfte laufen wird?

Am Staffelwechselpunkt sehe ich ein freies Toitoi (so heißen die Dixies hier). Titouli geht solange weiter, bis ich ihn wieder eingeholt habe. Vom Schloss Schönbrunn ist nichts zu sehen, dafür bekomme ich mal wieder Seitenstiche. KM 17-19 sind etwas mühsam, ich schnaufe und versuche sie wegzuatmen, dann geht’s wieder. Da ist auch schon die Hälfte vorbei und die Halben biegen ab durchs Heldentor. Titouli will noch gar nicht hinschauen – ich schon.

Es wird leerer auf der Strecke, wir laufen den Ring weiter, und irgendwann wieder am Donaukanal Richtung Prater. Links steht ein Schild 28, rechts, wo sie uns schon entgegenkommen eins mit einer 38. Au weia, es wird noch über eine Stunde dauern, bis wir wieder hier sind. Doch, die auf der Gegenfahrbahn sind merklich schneller als wir unterwegs. Ein bisschen beneide ich sie. Am Straßenrand steht ein Mann mit Notenständer und spielt Akkordeon – endlich wieder einmal Live-Musik, danke! Ich entwickle eine Theorie, die geht so: wenn der Marathon erst bei KM 30 anfängt, ein Zehner aber immer geht, dann müssten die Kilometer 30-32 die schlimmsten sein, und danach müsste es wieder leichter gehen. Ich versuche das zu beobachten.

Erstmal sind sie wirklich schlimm: zuerst die blöde kleine Wendestrecke vor dem Ernst-Happel-Stadion, dann die lange Wendestrecke auf der Praterhauptallee. Irgendwo habe ich was von schattigen Praterbäumen gelesen. So ist es aber nicht. Zwar kommt es uns vor, als wären die Knospen noch ein bisschen dicker als vorhin, Schatten spenden sie aber immer noch keinen. Dafür hängen an den Bäumen Lautsprecher, die alle dieselbe Musik spielen. Das ist toll! Wir laufen durch die Musik. Trotzdem zieht es sich ziemlich bis zu diesem ollen Lusthaus, wo wir endlich wenden dürfen. Zum Glück kommen auch uns noch Läufer entgegen, ich dachte schon, hinter uns kommt nichts mehr. Als ich das letzte Gel aus der hinteren Hosentasche fummle, stelle ich fest, dass die Tüte geplatzt ist. Der Notgeldschein, das Ticket für den Nahverkehr und das Gel bilden eine klebrige Einheit. Meine Güte, das Zeug klebt wie Hölle. Irgendwie bekomme ich die Geltüte dann doch raus und leere sie. Die Hände kleben jetzt ebenfalls ganz fies, buäh.

Bin ich froh, als wir wieder bewohntere Gegenden belaufen und ich mir an einer Wasserstelle kurz die Hände waschen kann. Der Mann mit Akkordeon ist immer noch da und spielt. Die Zuschauer, die jetzt noch da sind, sind übrigens großartig. Wir werden so direkt und persönlich angefeuert, wunderbar. Ich beschließe, an meine Theorie zu glauben, und es funktioniert. Die Beine sind längst nicht mehr so schwer wie eben im Prater, ich muss alle, die uns zujubeln anstrahlen, mich bedanken, zurückjubeln und bin einfach total marathongeflasht. Es macht so viel Spaß, die Helferinnen an den Wasserstellen stehen jetzt mitten auf der Fahrbahn, um uns die Becher direkt auf der Ideallinie zu servieren. Nochmal wird Walzer gespielt, diesmal muss ich mich sogar ein paarmal drehen. Es ist nicht mehr weit, es ist nicht mehr weit, ich habe das Gefühl, ich fliege gleich – hat schon mal wer fliegende Schnecken gesehen? Gibt’s echt! Nochmal Oper, nochmal Trommeln, nochmal Jubel! Wow, was machen die hier noch alle? Sind die wegen uns so lange dageblieben? Und da ist endlich die Abzweigung auf den Heldenplatz, der rote Teppich ist hier gelb, gemeinsam fliegen wir nebeneinander durchs Ziel.

Nein, wir sind nicht wirklich geflogen – 4:53 ist nicht schnell. Aber das Gefühl war einfach trotzdem da.

Abspann

Medaille (die ist wirklich toll, sternförmig und mit einem Glitzerstein!), Erdinger, Kleiderbeutel, Belohnungskaffee im Palmenhaus, U-Bahn, Abendessen mit M., Rückfahrt am Montag im Zug (sehr erholsam, kann ich nur empfehlen, auch wenn der Speisewagen keinen Strom hatte und wir nur Salat bekamen), Regenerieren. Das war ein wunderbarer Ausflug nach Wien.

Und jetzt? Wie geht es dem Gestell? Eigentlich gut, aber ganz sicher bin ich nicht, ob es eine gute Idee ist, am Sonntag den Hermann zu laufen. Ein bisschen Hochstapelei halt – oder den Hals nicht voll kriegen. Morgen werde ich noch einen kleinen Test laufen, ob alles sich so anfühlt, wie es soll. Drückt mir die Daumen.

Laufen auf Reisen – Nachtrag

So, da wäre ich wieder. Der rote Koffer ging wahrscheinlich beim Umladen in Istanbul verschütt, wird mir aber hoffentlich in den nächsten Tagen nach Hause geliefert, sonst ist alles bestens. Außer meinem Koffer fehlte aber noch was, nämlich DAS Bild, das ich in meinem Wettkampfbericht aus Hawassa erwähnt hatte. Und auf mehrfachen Wunsch stelle ich es jetzt hier hin:

Haile Gebreselassie

v.r.n.l: Haile, Frau Z.

Laufen auf Reisen – Hawassa Halbmarathon

Nein, ein Start um 6:30 ist nichts für mich. Es macht mir überhaupt nichts aus, wenn um 4:45 der Wecker klingelt, aber Frühstück bringe ich um die Zeit nicht wirklich runter. Ich habe mir ein paar kleine Hefebrötchen von gestern aufgehoben, H. hat mir extra noch die Marmelade aus dem Auto gebracht, aber ich habe so gar keinen Appetit. Im Gepäck steckt noch ein Kohlenhydratriegel, den zwinge ich mir rein, dazu noch eine kleine Banane und ein paar Schlucke Wasser. Brrrr. (Note to self: Nächstes Mal egal! Vor dem Wettkampf wird gefrühstückt, mit oder ohne Appetit). In die Laufhose passen mit ein wenig Quetschen zwei Gels, mal sehen, wie weit ich damit komme, B. hat auch noch eins, das sie mir unterwegs reichen kann.

Es ist noch dunkel, als ich aus dem Hotel trete. Der Parkplatzwächter fragt, ob ich laufen werde, ja genau, deshalb habe ich eine Startnummer ans Shirt gepinnt. Das findet er very good. Es sind schon einige Leute unterwegs zur St.-Gabriels-Kathedrale, wo Start und Ziel aufgebaut sind. 

An zwei Tischen sitzen Helfer, die Papierchips für die Schuhe ausgeben und die Empfänger auf der Liste abhaken. Die mit Startnummern für den EveryOne-Lauf sind fast alles Ferenjis – so nennen sie hier Ausländer, das ist eine Verballhornung von „Foreigner“. Die meisten sind Amerikaner, fast alle sind Residents, also Leute, die in Äthiopien leben und arbeiten. Aber da ist ein Shirt von der Berliner City Nacht 2011. Der Träger gehört zu einer Reisegruppe, die mit einem Laufreiseveranstalter hier sind. Sie sind am Donnerstag angekommen, hatten gestern ein Treffen mit Haile Gebrselassie, der alle ihre Startnummern signiert hat (boah, darauf bin ich ja ein bisschen neidisch!), nach dem Lauf geht es zurück nach Addis, und am Dienstag nach Hause (ok, ich bin doch nicht neidisch). Heike hat ein Foto von zwei Babies auf dem Shirt, auf dem Rücken steht „Schnellste Zwillingsoma der Welt“. Das kann gut sein, neulich in Berlin ist sie knapp 1:50 gelaufen.

Insgesamt sind wir 250 Läuferinnen und Läufer. Wir werden aufgefordert, uns in den Startblock zu begeben. Auf einer kleinen Trittleiter steht ein Mann mit einer Luftdrucktröte. Er drückt auf den Knopf, aber es macht kein Geräusch. Er drückt nochmal, schüttelt, drückt… Nichts. Da pfeift er laut auf den Fingern und ruft „Go, go, go!“ das ist das Startsignal. Alle rennen wie die Irren den einzigen Hügel der Strecke hinunter, ich renne mit, Garmine sagt, 4:28, da rufe ich mich zur Ordnung und bremse mich an der ersten Ecke, wo es wieder eben wird, auf 5:30. Mal sehen, wie sich das anfühlt. Erstmal nicht schlecht. Ich habe den Eindruck, dass ich tue, was ich immer mache: irgendwo im Mittelfeld mitlaufen.

Wir laufen auf einem Dreirundenkurs. Auf der ersten Runde ist noch nicht viel los. Ungefähr bei KM 3 gibt es eine Wasserstation, wo nette Helfer uns Plastikbeutel mit Wasser reichen. Die sind prima, man kann mit den Zähnen ein kleines Loch reinreißen und bequem im Laufen trinken. Wir verlassen die Straße und laufen einen schmalen, etwas schlammigen Trampelpfad zum Seeufer. 

Dort biegen wir in den Uferweg ein. Da steht ein Schild KM 4. Ich bin empört. Garmine zeigt erst 3,2 km. Mir war gleich so, als wären wir zu früh abgebogen, denn sollte die erste Runde am Wasserstand nicht noch nach rechts führen? Wir sind geradeaus gelaufen. So was blödes. Ich frage mich, ob die Sreckenposten verschlafen haben und finde es einen Moment lang einfach nur doof. Aber zum Dooffinden ist keine Zeit, denn die Berge am gegenüberliegenden Ufer bekommen gerade die ersten Sonnenstrahlen ab. Das sieht einfach wunderschön aus. Vorne zartgrünes Schilf, glitzerndes Wasser und eine sonnenbeschienene Bergkette. 

An der Anlegestelle für die Boote, die zu den Hippos fahren, geht’s zurück auf die Straße. Ich laufe neben einem Ferenji, der sagt, „There are my wife and kids“. Stimmt, da stehen sie und jubeln Daddy zu. Ich stelle mich vor, er sagt, er heiße Dan, aber mehr mag er nicht plaudern. Ist ja auch schwer, er hat Stöpsel in den Ohren. An der nächsten Kurve überhole ich ihn ein bisschen, weil ich finde, dass er keine unterhaltsame Gesellschaft ist, aber das lässt er nicht auf sich sitzen, er überholt zurück und wird schneller, so dass ich nicht dranbleiben kann. Es geht an unserem Hotel und der Winners‘ Chapel – Home of Signs and Wonders vorbei, meine Supporter sind noch nicht zu sehen. Aber wir sind ja auch erst auf der zweiten Runde verabredet.

Die erste Runde ist geschafft, eine Frau hält ein Schild hoch „Laps to go: 2“ noch läuft es ganz gleichmäßig mit ungefähr 5:30er Pace. Aber jetzt bekomme ich Hunger. Das ist richtig blöd. Auf der Strecke ist jetzt etwas mehr los, es sind Leute da, die uns so mittelenthusiastisch anfeuern. Jetzt laufe ich hinter einem indisch aussehenden Mann, der sich irgendwann zu mir umdreht und sich beschwert „You’re getting all the claps!“ Stimmt, mir jubeln die Leute etwas mehr zu als ihm, ich höre auch einige „Aisosh“, über die ich mich immer besonders freue. Schon viel zu früh vor dem Wasserstand fummele ich das erste Gel aus der Hose, reiße es auf und quetsche es mir in den Mund. Buhäää, ist das fies. Wo bleibt denn der Wasserstand? Da ist er endlich, ein Helfere reicht mir ein Tütchen, ich reiße es auf, trinke die Hälfte und schütte mir den Rest den Nacken hinab, denn es wird schon ziemlich warm.

Wieder geht’s über den Trampelpfad auf den Lehmweg am Ufer. Hier überhole ich die ersten Gehenden. Aber ich habe keinen Anlass zu Übermut, mein Magen versucht gerade aus Gel kleine Klümpchen zu formen, das fühlt sich gar nicht gut an. Die Sonne scheint, es wird wärmer. Zurück auf der Straße, als ich mich dem Kreisel nähere, sind da plötzlich zwei Fahrräder, die einen Läufer begleiten. Ist der Elitelauf schon gestartet? Der Streckenveraluf ist anders als bei uns, aber das kann nicht sein, es ist noch nicht 8:00 Uhr. Das ist dann wohl einer der Schnellen, der sich einläuft. Ich werde kurz langsamer, um ihm nachzuschauen, wie er um den Kreisel fliegt und Richtung Kathedrale verschwindet. Die EveryOnes müssen erst noch nach Süden. Durch diese kurze Verzögerung hat mein indischer Hase einen gewissen Vorsprung erlaufen, den ich auch nicht mehr aufholen kann. Im Gegenteil, ich lasse nach. Dennoch überhole ich einen jungen Koreaner (auf seinem Shirt steht KOREA), den ich gestern schon im Hotel gesehen habe. Viele Kinder stehen jetzt an der Strecke, ich frage mich, was sie hier machen, wenn sie doch gleich da hinten den Eliteläufern zujubeln könnten. Trotzdem bin ich natürlich froh, dass sie da sind, denn sie lenken vom Magen ab. So viele Kinderhände habe ich noch nie abgeklatscht. Nebenbei überhole ich mal wieder eine Läuferin, das Feld ist ziemlich auseinandergezogen, aber wir sind ja auch nicht so viele. Es geht wieder Richtung Norden, am Hotel vorbei. Hier hängt ein KM-Schild 15. Oh, laut Garmine stimmt das wieder. Vielleicht hing ja nur das eine Schild vorhin falsch? Vorne an der Hauptstraße stehen meine SupporterInnen. B. drückt mir das Geltütchen in die Hand, ich frage noch nach einem Schluck Wasser. Mir doch egal, wenn es ein bisschen dauert, bis die Flasche aus dem Rucksack gefummelt ist. Ich nehme ein paar Schluck und laufe weiter. Das Gel ist noch zu, das kann ich also erst an der Wasserstation nehmen. 

Da ist die Frau mit dem Schild „Laps to go: 1″. Es sind nur noch knapp 7 km, das kann doch nicht so schwer sein? Es ist aber inzwischen richtig heiß, ich bilde mir ein zu spüren, wie die Sonnencreme versagt und die Arme und Kniekehlen richtig heiß werden. Und das, was sich da ankündigt, kenne ich auch: Seitenstiche, so ein Schrott. Ich versuche, richtig zu atmen, aber es hilft nichts, sie kommen, es sticht. Aua. Es sticht sehr. Ok, das passt mit der Erfahrung aus der vorigen Woche zusammen: Hunger. Nüchtern laufen ist echt nichts für mich. Ich laufe zwar noch, aber inzwischen nur noch eine Pace von 6:20. Ich fluche innerlich ein bisschen vor mich hin, am liebsten würde ich gehen, aber das geht nicht, hier ist Publikum. Auf der letzten Runde laufen wir auf der Strecke des Elitelaufs, daher sind jetzt wesentlich mehr Leute unterwegs. 

Da, von hinten kommen zwei Motorräder, die Elite ist im Anflug. Ich bleibe einen Moment stehen, um sie vorbeifliegen zu sehen und applaudiere. Der Männerblock läuft noch dicht beieinander. Schon sind sie durch, und der Applaus, der für uns Schnecken bleibt, ist doch deutlich verhaltener. Vor der Wasserstation drücke ich mir beide verbliebenen Geltütchen nacheinander rein, spüle mit Wasser nach und hoffe, dass es hilft. Nur noch fünf Kilometer, wir dürfen jetzt auch gleich Straße laufen und sparen uns auf der letzten Runde den Uferweg. Ich bin ziemlich alle. Jetzt fliegen die schnellen Frauen an mir vorbei, erst fünf Läuferinnen, darunter eine ganz große, dann drei eher kleine im Gleichschritt. Das sieht so schön aus! So langsam helfen meine Kohlenhydrate, mir ist zwar noch ein bisschen schlecht, aber ich habe etwas mehr Energie. 

Schon bin ich zum letzten Mal am Kreisel, jetzt kommt die einzige Steigung der Strecke. Auch irgendwie gemein, dass es auf dem letzten halben Kilometer bergauf geht. Jetzt reicht es zwar nicht mehr unter zwei Stunden, ich laufe trotzdem so schnell ich noch kann. Das ist aber eher langsam. Kurz vor dem Ziel werde ich noch einmal angefeuert. Nach 2:05:39 stoppe ich die Uhr. Im Ziel gibt es Wasser und Cola und einen Beutel mit einem Finishershirt und einer Medaille. Die schnellste Zwillingsoma der Welt versichert mir, auch noch nicht lange da zu sein, aber das ist ein bisschen tief gestapelt. Ein gehörloser Italiener, der schon mal in Berlin gelaufen ist, schlägt mir einen Shirt-Tausch vor, aber ich kann mich vom ersten HM-Finisher-Shirt meines Lebens unmöglich trennen – mal ganz abgesehen, dass ich hier sowieso das Shirt nicht ausgezogen hätte.

H. ruft mich von jenseits der Absperrung, die Ordner wollen mich ganz außen rum schicken. Eigentlich will ich mich schon auf den Weg machen, aber H. lässt nicht locker, so dass ich die Ordner ignoriere und mich unter einer Absperrung durchschlängele. Erst da verstehe ich, warum er so stur ist: direkt am Zieleinlauf unter einem Zeltdach sitzt Haile, und H. findet, er müsse mir unbedingt ein Foto mit ihm zusammen verschaffen. Über die Absperrung spricht er ihn an und schubst mich nach vorne. Ich bin ganz verlegen, sage, dass ich aus Berlin komme und alle Leute in Berlin große Fans seien. Für die, die wissen, wer er ist, stimmt das bestimmt. Haile ist total freundlich, bedankt sich, schüttelt mir die Hand und dotzt auch wieder in äthiopischem Kumpelgruß unsere rechten Schultern aneinander. Dann posiert er noch für ein Foto und ich freu mich.

Danach ist noch der Zieleinlauf der schnellen Männer, dann der schnellen Frauen, mein Sonnenbrand bratzelt, es geht ins Hotel zum Duschen, auschecken und danach zum Post-Race-Lunch ins Haile-Resort. Für die EveryOnes sind unter einem riesigen Baum viele runde Tische gedeckt – das Ticket in den Startunterlagen war eine echte Überraschung. Haile eröffnet das Buffet, ich sitze mit dem Koreaner, den ich überholt habe, und seiner Freundin am Tisch, und es ist richtig schön. Das ist wohl die spektakulärste Nachlauf“wurst“, die mir je serviert wurde.

Laufen auf Reisen – Hibbeln

Der Priester der nahegelegenen Kirche weckt mich schon um halb sechs mit lautem „Aaaäää-öööö“ (das haben wir alles dem Heiligen Yared zu verdanken, der sich von den Vögeln das Singen abgeguckt hat), aber ich wollte ja sowieso mein letztes lockeres Läufchen vor Tag X machen.

Hawassa oder Awassa, da sind sie sich hier nicht so ganz einig, hat breite, zum Teil palmenbestandene Straßen, breite Gehwege für Fußgänger (die leider manchmal an tiefen, normalerweise mit Betonplatten abgedeckten Abwassergräben abrupt enden, blind möchte ich hier nicht sein) und an der Hauptstraße sogar Fahrrad- oder eher Tuktukspuren. Die Nebenstraße, an der unser Hotel liegt, ist nicht asphaltiert.

Es ist kurz nach sechs. So viele Läufer und andere Frühsportler wie in Hawassa habe ich noch nirgendwo sonst hier gesehen. Und die hier spotten auch nicht, wenn sie mich sehen, von den meisten bekomme ich ein Daumen hoch, viele grüßen. Eigentlich hatte ich damit gerechnet auch einige Blassnasen zu sehen, die morgen mitlaufen, es sind aber keine unterwegs.

Auf den Bäumen sitzen unglaublich viele, unglaublich hässliche, große Marabus. Da, wo die Straße am See als Sackgasse endet, und jetzt noch keine Autos fahren, staksen sie auch auf der Straße herum. Sie lassen sich von den dort besonders zahlreich vorhandenen Frühsportlern überhaupt nicht stören. Meine Güte sind die aus der Nähe hässlich.

Ich kehre um und laufe die Straße parallel zum See. Die Beinchen wissen noch, was zu tun ist, aber es ist nach den Tagen in den Bergen sehr schwül und drückend. Leider ist der tolle Effekt, dass ich jetzt von über 3000 auf 1700 m abgestiegen bin, überhaupt icht zu merken. Egal, der Lauf morgen soll ja in erster Linie Spaß machen.

Frauen fegen die Straße. Als ich an einer vorbeilaufe, sagt sie „Aisosh“ – hey, das verstehe ich, das haben die netten, amharisch sprechenden israelischen Volunteers mir beigebracht. Es wird mit „be strong“ übersetzt und ist vielseitig einsetzbar: als Aufmunterung, zum Trösten, zur Ermutigung, zum Anfeuern. Ich freu mich riesig über diese Motivationshilfe, und vor allem, dass ich dieses Lieblingswort meiner Reisebekannten im Einsatz erlebt habe. Zu Männern muss man übrigens „Aisoh“ sagen.

Noch bis zu diesem großen Baum da vorne, das muss für heute reichen. Auf dem Baum streiten sich kleine Äffchen. Ich schaue kurz zu und drehe dann um. Ein entgegenkommender Läufer winkt mir zu und ruft „We’ll meet tomorrow“ – „Yes, we will“ antworte ich und bekomme sofort einen Hibbelschub.

Vor dem Hotel angekommen höre ich laute Partymusik. Um diese Zeit? Der Parkplatzwächter sagt „Church“ und tatsächlich, gegenüber hängt ein großes Schild über einer Toreinfahrt „Chapel of Winners – Home of Signs and Wonders“. Da drinnen singen und klatschen sie zu einem in meinen Ohren wenig sakralen Disco-Beat. Vielleicht sollte ich bei denen ein Kerzchen anzünden, damit das morgen gut geht. Aber dann gehe ich doch lieber noch eine besonders gründliche Runde dehnen.

Inzwischen haben wir im Haile Resort meine Startunterlagen abgeholt. Es wird ein Drei-Runden-Lauf, der an der St. Gabrielskathedrale beginnt und endet. Das ist hier ganz in der Nähe, so dass ich morgen früh vom Hotel aus hinlaufen kann. Ich habe es mir vorsichtshalber schon mal angesehen, da wurde gerade der Zielbogen vor dem Aufstellen von einem kleinen Jungen mit dem Lappen abgestaubt. Gleich gibt es Rahmenprogramm an der Uferpromenade, da soll Musik spielen. Morgen früh um 6:30 fällt der Startschuss. Ihr lest dann wieder von mir…