Intervalle am Dienstag

Wenn das der Herr Steffny wüsste, dass er hier eine Tradition begründet. Auf dem Plan stehen Intervalle, und weil ich so spät erst wieder ins Training eingestiegen bin, ist es der 2-Stunden-Plan, also 4 x 2000 m in 11:18 Minuten, macht, wenn ich ein bisschen kopfrechne eine Pace von 5:39. So lange Intervalle auf der Bahn? Ist das nicht schrecklich öd? Aber der Flughafen ist für nach Feierabend zu weit und der Volkspark zu klein, da kommen immer wieder Straßen, also Bahn. Nix auf die Ohren, denn heute will ich mitkriegen, was in meinem Kopf los ist.

Einlaufen zum Stadion Wilmersdorf. Es ist halb sieben, noch scheint die Sonne. Das ist schön. Ich bin traurig, weil meine Tante Luisle gestorben ist. Die Baden-Württemberger begraben extrem schnell – Freitag tot, Dienstag Beerdigung. Ich bin auch ein bisschen traurig, dass ich es nicht zur Beerdigung geschafft habe. Dem Onkel Josef muss es jetzt sehr schlecht gehen. Die ganze Verwandtschaft hat mein ganzes Leben lang voller Anerkennung und echt schwäbischem Understatement gesagt „D’r Josef – der mag sei Luisle“. Als Kind hat mich das Gerücht total fasziniert, dass die beiden nur eine Bettdecke benutzen sollen. Immer! Dabei war das Luisle keine einfache Person – aber eine gute. Und immer elegant gekleidet. Ich laufe die Forckenbeckstraße entlang und denke darüber nach, was ich noch von ihr weiß. Sie hatte Humor, einen ganz leisen, aber oft treffenden, und sie hat gerne gelacht. Sie war sehr krank. Gut, dass sie neulich bei der letzten Familienfeier noch dabei sein konnte, und dass ich sie noch einmal gesehen, gesprochen und umarmt habe.

Im Stadion bin ich sofort abgelenkt. Auf dem Rasen liegt eine Fußballmannschaft sternförmig mit den Köpfen zusammen und macht Liegestützen. Eine Minilaufgruppe mit Trainer ist auf der Bahn „Die Armbewegung bringt uns voran“ sagt der Trainer. Sofort bemühe auch ich mich, die Arme ordnungsgemäß zu schwingen. Nach einer halben Runde ist das Einlaufen schon zu Ende und ich beschleunige. 2km im Kreis ist echt öd. Ich vermisse mal wieder den Hasen, der mich immer so unterhaltsam gescheucht hat. Aber der darf gerade leider nicht laufen. *Seufz*. Nach dem ersten Intervall wechsele ich die Richtung, damit ich keinen Drehwurm bekomme und die Bahn sich gleichmäßiger abnutzt. Ich nehme die Außenbahn, die will sonst eh keiner. Mit ist langweilig. Ich denke daran, dass der Hase dann immer „mentale Härte“ gesagt hat, aber ich fühle mich gar nicht gehärtet. Ein bisschen unterhaltsam ist, dass mir jetzt alle entgegen kommen – so viele sind es aber auch wieder nicht. Am Rand des Rasens ist vielleicht der Mann, den Charlotte_York neulich gesehen hat: er läuft auf dem Gras, mal vorwärts, mal rückwärts, mal rechtsrum, mal linksrum, und dazwischen macht er Übungen: Liegestützen, Crunches, Purzelbäume. Purzelbäume? Wozu die wohl gut sind?

Beim letzten Intervall gerät mir irgendwann wieder mal ein Mantra in den Kopf, das geht so: im Rhythmus des Dreier-Atems zähle ich einen seeehr langen Countdown: „vier-mal-rum“ – pff-ff-ff – „vier-mal-rum“ – pff-ff-ff. Dann: „drei-ein-halb“ – pff-ff-ff – „drei-ein-halb“… Immer, wenn auf der Uhr ein Vielfaches von 200 m steht, darf ich eine Stufe weiter runterzählen. Das funktioniert erstaunlich gut, das letzte Intervall ist recht schnell vorbei.

Und jetzt was merkwürdiges: Entweder ich kann überhaupt nicht gleichmäßig laufen (jaha, ziemlich wahrscheinlich), oder ich kann im Uhrzeigersinn schneller als dagegen (das ist natürlich die Pace, nicht die Zeit fürs ganze Intervall!):
5:32 (gegen Uhrzeigersinn)
5:17 (Uhrzeigersinn)
5:29 (gegen Uhrzeigersinn)
5:13 (Uhrzeigersinn)
Vielleicht bin ich auch eine heimliche tibetische Buddhistin, denn die wandeln doch immer um alles im Uhrzeigersinn herum. Allerdings rennen die dabei eher nicht, und es sind auch eher Tempel und andere Heiligtümer, keine Sportplätze.

Erst auf dem Rückweg kommen wieder Gedanken an andere Dinge als Laufen. Es hat nicht wirklich „geholfen“, ich bin immer noch traurig. Aber andererseits wäre es noch viel trauriger, wenn es keinen Grund gäbe traurig zu sein.

Abgrund Großstadt

Wie die warnende Stimme des geschätzten @Eifelsteiger schon oft hat verlauten lassen: für Läuferinnen und Läufer ist die Hauptstadt ein Abgrund, ein Grauen ohnegleichen. Auf meinem heutigen langen Lauf hatte ich seine warnende Stimme immer wieder im Ohr, so dass ich bereits beim ersten Anblick einer müllübersäten Parkwiese beschloss, ihm diesen Lauf zu widmen. Doch ich greife vor.

Der Tag beginnt mit einem leicht verkaterten Kopf – die Großstädterin musste gestern Abend eine liebe Freundin für längere Zeit ins Ausland verabschieden. Da die Stadt keine Sperrstunde kennt, muss sie im Nachhinein reuig bekennen: das letzte Bier war zu viel. Auf dem Land wäre das bestimmt nicht passiert. Mehrere Stunden nach einem nicht ganz lauftauglichen Frühstück mit zu wenig Brot und zu viel Käse, beschließe ich dann doch, mich in Laufmontur in diesen grässlich blendenden Frühlingssonnenschein zu wagen. Ein wenig flau im Magen ist mir noch.

Als degenerierte Großstädterin muss ich mich vor dem tosenden Lärm der Stadt mit Musik auf den Ohren schützen. Jedem Laufpuristen muss sich bei dieser Vorstellung, das vogelgezwitscherverwöhnte Trommelfell in schmerzhafte Falten legen. Doch uns macht das nichts aus, wir kennen es ja nicht anders. Die erste größere Menschenansammlung ist im Volkspark Wilmersdorf zu durchqueren. Die Massen belagern die Wiesen, als hätten sie kein Zuhause. Kein Hälmchen ist zwischen den dicht an dicht lagernden Städtern zu sehen, dort, wo doch einmal brauner Untergrund zwischen den Leibern zu erkennen ist, haben die Erholungssuchenden diesen mit weggeworfenem Papier, Flaschen und Zigarettenstummeln fast vollständig bedeckt.

Schnell lasse ich den Park hinter mir, um über die Dominicusstraße Richtung Gasometer zu laufen. Hier stört kein Baum und kein Strauch die urbane Atmosphäre von Billigläden, Eckkneipen (mehr als Ecken!) und Spielhallen. Die erhabene Stahlarchitektur des Schöneberger Gasometers lässt fast vergessen, dass da auch noch ein paar armselige, noch blattlose Pappeln drum herum stehen. Eine weitere baumlose Ostwestachse, die Monumentenstraße lässt mich schnell Richtung Osten vorankommen. Auf der Monumentenbrücke sind alle halbrunden Betonpoller inzwischen mit bunten Graffiti verziert (hier falle ich kurz aus der sarkastischen Rolle: die sind wirklich gut, zum Teil lustig und wirklich künstlerisch wertvoll, schade, dass ich keine Kamera mit hatte) unten fahren ICE und S-Bahn, in nicht allzu weiter Ferne sind die Hochhäuser am Potsdamer Platz zu sehen. Kaum habe ich mich an diesem Anblick erfreut, muss ich mich für das nächste Frühlingsgrün wappnen: es geht durch den Viktoriapark. Glücklicherweise bin ich auch hier nicht alleine, sondern finde Verstärkung durch Massen von Kreuzbergern, die hier die Wiesen belagern. Die Großstädterin hat es eben gerne gesellig.

Nach dem Park vermeide ich die Bergmannstraße, denn dort sind die Gehwege von voll besetzten Tischen und Stühlen der vielen Gastronomiebetriebe so verstellt, dass ein Durchkommen vollkommen unmöglich wäre. Aber die Nebenstraßen sind wieder angenehm baumlos und gerade ausreichend bevölkert, um nicht zu vereinsamen. Am Südstern muss ich in den Volkspark Hasenheide einbiegen. Das Denkmal der Trümmerfrau steht im noch blumenlosen Beet, die Drogendealer drücken sich in den mit dichterem Gebüsch bewachsenen Ecken des Parks herum, aber bei so viel Betrieb im Park steht ihnen der Sinn offensichtlich nicht nach Kaltakquise, denn sie unterhalten sich gelangweilt und beachten die Flanierenden nicht. Anders als in den ersten beiden Parks, wird hier sowohl mehr gekickt, als auch tüchtig musiziert – die Trommeln, die von ein paar jungen Männern bearbeitet werden, übertönen die Musik in meinen Ohren.

Beim Überqueren einer Wiese macht ein kleiner Hund seinem Unmut über meine offensichtlich noch zu blassen Läuferinnenbeine Luft – er springt kläffend und zähnefletschend um mich herum. Als abgebrühte Großstadtjoggerin verlangsame ich den Schritt kein bisschen – eher verklage ich Herrchen bis aufs letzte Hemd, als wegen so einem Kläffer von meinem Weg und Tempo abzuweichen. So richtig gefährlich ist er offensichtlich nicht, denn ich komme ungebissen davon.

Durch den Oderstraßeneingang gelange ich aufs Tempelhofer Feld, den ehemaligen Flughafen Tempelhof. Das ist vermutlich der urbanste Park der Welt. Unendliche Weiten, unendliche Massen. Dort, wo das Grillen erlaubt ist, hängen dichte Rauchschwaden über dem Gelände. Darüber schweben bunte Drachen, der Rundweg außen herum erlebt die ersten Frühlingsstaus von SkaterInnen, RadlerInnen, LäuferInnen und SpaziergängerInnen. Vor den Klocontainern stehen lange Schlangen. Feige weiche ich dem Stau auf den Plattenweg aus, der etwas weiter innen um das Gelände verläuft.

Auch diesen Park lasse ich hinter mir, quere das samstäglich ausgestorbene Fliegerviertel (kein Wunder, dass hier keine Menschenseele zu sehen ist, die sind schließlich alle in den Parks, wie ich vorhin gesehen habe). Das Zufallsprogramm des MP3-Players spielt „Stadtaffe“ von Peter Fox – darüber muss ich wirklich lachen. Ich singe ein bisschen mit, sehr zum Befremden einiger Halbwüchsiger, die an einer Bushaltestelle vor dem Bahnhof Südkreuz abhängen. Ich spüre ihre verächtlichen Blicke im Nacken, als sie mir hinterher blicken, aber das stört mich nicht. Beim Überqueren der Autobahn atme ich tief ein, denn gleich danach steht mir wieder eine Grünanlage bevor.

Dort neckt sich ein junges Pärchen, spielerisch dreht er ihr den Arm auf den Rücken, bis sie vor Schmerz quiekt – lachend gibt er sie frei. Ich erwäge kurz, ihr den Rat zu geben, den Trottel in den Wind zu schießen, aber wozu einmischen, darauf kommt sie sicher schnell genug auch alleine.

Der Weg führt mich durch eine Kleingartenanlage – auch hier liegt bereits Grillrauch in der Luft – und dann unspektakulär und ohne weitere Vorkommnisse durch Friedenau bis zum Friedrich-Wilhelm-Platz. Hier dringt noch einmal ohrenbetäubender Lärm durch meine Lautsprecherstöpsel: Am Imbiss haben sie bereits die Biertische in den Vorgarten gestellt und auch einen Fernseher aufgebaut. Eben hat Hertha das 3:1 gegen Mainz geschossen, die versammelten Friedenauer kriegen sich nicht mehr ein vor Begeisterung. Ich halte kurz an, um die Wiederholung zu sehen. Das Bier fließt in Strömen, die Fans liegen sich in den Armen und weinen vor Glück. Ich laufe weiter, um mir an der Eisdiele ein dickes Belohnungseis mit Sahne zu holen. Dann darf ich endlich wieder in meine Höhle – äh: Wohnung – zurück.

Liebe Kinder…

… haltet Euch immer schön an das, was Euch die geballte Kompetenz der LäuferInnen-Gemeinde empfiehlt. Die empfiehlt nämlich zweierlei: es beim Regenerieren von Zipperlein jeder Art sachte angehen zu lassen und außerdem mit Erkältungen höchstens ganz regenerativ zu laufen. Aber ich wollte ja nicht hören… Jetzt liege ich schniefend und hustend auf dem Sofa und schone immerhin das Knie. *Grummel*

Da hatte ich ja im Herbst fast drei Monate Laufpause wegen Knie. In den letzten Dezembertagen ging es langsam wieder los. Immer schön sachte steigern, bloß nicht übertreiben. Und bis letzten Sonntag hatte ich mich wirklich dran gehalten, die 15 langsamen Grunewaldmatschkilometer taten gar nicht weh. Jetzt bin ich aber zum Berliner HM gemeldet, und da könnte doch jetzt wieder ein schöner Steffny-Plan losgehen. Was interessiert mich da die latent schnuffelnde Schniefnase und das leichte Kratzen im Hals – es ist ja nur ganz leicht! – ich bekomme noch ausreichend Luft. Dass ich seit letztem September nicht mehr schnell gelaufen bin – mir doch egal, ich will alles, und zwar sofort.

Dienstag schneit es – richtig kalt ist es aber nicht, so dass abends überall dort, wo nicht geräumt oder plattgefahren ist, eine knapp knöcheltiefe wässrige Matschepampe liegt. Und es ist leider nicht überall geräumt. Aus Vernunftgründen habe ich das Intervallprogramm bereits abgelehnt und stattdessen TDL vorgeschlagen. Worin liegt da eigentlich die Vernunft? Auch das ist eine selten bekloppte Idee. Der Hase und ich starten am Stadion Wilmersdorf. Dass die Tartanbahn dick verschneit ist, sehen wir sofort, also Straße. Der Matsch ist doof. Der Hase hat sehr große Füße, und wenn der in Pfützen oder tiefen Schneematsch patscht, spritzt es mir die Beine bis über die Knie nass. Macht nichts, wir laufen ja, da ist mir nicht kalt. Die Füße sind ebenfalls innerhalb weniger Minuten nass – aber auch nicht wirklich kalt. Es fängt an zu nieseln, die Brille ist trotz Mützenschirm kaum noch durchsichtig. Nach 2,5 km gibt der Hase das Tempo vor. Wir laufen 7 km in 5:30 min/km. Ich schnaufe ziemlich, es ist richtig anstrengend, macht aber auch richtig großen Spaß. Wir laufen Hohenzollerndamm und Clayalle entlang und dann einfach wieder zurück. Leider meldet sich während des Auslaufens das Knie. Och nö, das darf doch jetzt echt nicht wahr sein! Es ist nicht schlimm, aber sehr präsent. Gehen kommt bei diesen Wetter- und Temperaturverhältnissen nicht in Frage, aber wenn wir wirklich langsam laufen, tut es auch gar nicht sehr weh. Trotzdem habe ich das doofe Gefühl, es übertrieben zu haben. Nach nochmal 3,5 km sind wir zurück am Stadion. Dehnen wird auf nach der Dusche verschoben.

Tja, und am Mittwoch bricht der Virus dann so richtig durch, da habe ich mich noch ins Büro geschleppt, seit gestern ist Sofa dran. Aber Viren sind Viren, die wären bestimmt so oder so ausgebrochen. Das Knie spüre ich leider auch – na bitte, dann ist so eine Erkältung doch genau das Richtige, um mich von weiteren Dummheiten abzuhalten. Aber mal ganz ehrlich – dieses Mal ärgere ich mich wirklich über meine eigene Blödheit.

Verdammt: Knie ist doch nicht hypochondrisch – oder doch?

Menno, so geht das nicht! Am Mittwoch habe ich (nach Kniebeschwerden am Sonntag und Dienstag) ganz brav das Firmenevent b2run ausfallen lassen, Donnerstag sachte probiert: nach 10km – Aua rechts außen, aber so, dass ich zu Ende laufen konnte. Gestern zum Physio (ok, der Läufer war nicht da, aber sein Kollege), der hat überall rumgedrückt und gezogen und ein wenig „mobilisiert“ und befand, da ist nur ein bisschen mehr Spannung auf dem rechten Bein, vermutlich etwas überlastet, kaputt ist nix. Grünes Tape ans Bein, weiterlaufen. War natürlich genau, was ich hören wollte. Heute nach 6km: fies Aua! Aber viel weiter war sowieso nicht geplant. Jetzt nach dem Dehnen ist beim Gehen nichts mehr zu spüren. Was soll das?

UND JETZT??? Morgen wollte ich doch noch lockere 20kmchen laufen, dann noch ein paar kleine Läufe die Woche – bin schließlich bekennend planversessen. Aber selbst wenn ich morgen die 20 weglasse? Was dann? Noch mal versuchen, den Läuferphysiokollegen zu erwischen? Dehnen? Wie denn? Die Woche über die Füße ganz stillhalten? Ich beiße gleich in den Tisch!

Das Kieferngrauen von Pätz

Gpsies.com ist super. Da kann man Strecken abstecken und sie anschließend auf die Garmine schubsen. Ab ins Gelände, Kurs starten und los geht’s. Garmine sagt, wo’s lang geht. Meistens. Bzw. meistens auch in die richtige Richtung.

Der Hase ist leider verreist, der Plan verlangt am Sonntag den ersten 27er. Das ist für die Debütantin in spe an sich schon ein kleines Abenteuer. T. bietet an, die letzten 17 km mitzulaufen, denn sein nächstes Ziel ist ein Halbmarathon. Wir tüfteln also auf gpsies.com eine Strecke aus, die jede Menge Seen und Wald enthält. Ich soll am Anfang der Strecke ausgesetzt werden, den ersten Teil von 10 km bis auf den Dorfplatz von Pätz laufen, dort am Auto gibt’s Wasser, anschließend laufen wir gemeinsam den zweiten Teil. Super Plan, auf die Garmine geladen, allet schick.

Kieferngrauen

Über die Autobahn dauert es von mir zu Hause kaum länger als bis zum Schlachtensee. In Schenkendorf werde ich also auf die Strecke geschickt und ermahnt, keinesfalls schneller als die im Plan vorgesehenen 6:30 min/km zu laufen. Alles klar. Nach wenigen hundert Metern fällt mir auf, dass ich das Handy vergessen habe – wenn irgendwas „passieren“ sollte, haben wir also keine Möglichkeit ein Wiedersehen zu koordinieren. Egal, dann passiert eben nix, aber ein kleines bisschen seltsam ist mir schon.

Nach knapp einem Kilometer beginnt der Weg am Krummen See entlang. Es ist etwas „trailig“, ein schmaler, wurzeliger Pfad. Vor mir sehe ich ein Lama. Hö? Nicht nur eins, da werden fünf Lamas an Leinen spazieren geführt. Auf dem Rücken tragen sie bunte Packsättel mit ein bisschen kleinem Gepäck. Die Biester sind ziemlich schreckhaft, die Gruppe bleibt zwar mehr im Gebüsch als auf dem Weg stehen, aber als das hinterste schon ausschlägt, als es mich nur kommen hört, stelle ich das Laufen ein und gehe lieber zügig an ihnen vorbei. Sie sehen sehr weich aus, und ich hätte gerne eins angefasst.

Nach dem Krummen See geht es durchs Naturschutzgebiet Sutschketal, auch sehr hübsch, recht tropisch, mit viel Farn. Es ist passenderweise ordentlich schwül, der Himmel grau verhangen. Viel zu schnell ist das Tal zu Ende und es geht durch Bestensee. Schon von weitem höre ich live Blasmusik. Während ich mich noch frage, wieso es bei den ersten Tönen schon so offensichtlich ist, dass die Töne nicht aus der Konserve kommen, sprießen mir schon die ersten Pickel. Es gibt einfach Musik, die echt schwer zu ertragen ist. Zu allem Überfluss spielt die Kapelle genau in dem Moment, als ich am Biergarten vorbei laufe, „Muss i denn…“ Mist! Ohrwurm! Und so ein grässlicher. Dagegen hilft nur ansingen. Ich überlege mir also ohrwurmtaugliches Liedgut und versuche laut zu singen, um die Blasmusik aus dem Kopf zu verscheuchen. Habe schließlich mal bei Jogmap gelesen, dass manche im Laufen singen können. Ich schaffe nur eine Strophe und muss dann im Kopf weiter singen, weil die Puste nicht reicht.

Bestensee ist lang und recht öd. Es gibt zwei Bestattungsunternehmer, die beide unter anderem Seebestattung und Trauerhilfe anbieten, einer ist im selben Gebäude wie die Psychologische Praxis. Praktisch. Auf Plakaten wird für „Draußen Tanzen“ und den „13. Spreewälder Gurkentag“ geworben. Mir scheint auf öden Straßen muss ich alle verfügbaren Buchstaben lesen. Irgendwann darf ich von der Straße abbiegen und es geht um den Pätzsee. Die Badestelle verführt fast zum verfrühten Abbruch – Wasser ist toll. Aber zum Baden ist später noch Zeit. Nach 11 km erreiche ich den Dorfanger von Pätz und da steht auch schon T. am Auto. Schade, dass dieser Punkt auch das Ziel der Gesamtstrecke ist – der Rest ist logischerweise ein Rundkurs – so dass Garmine stolz fiept und verkündet, ich hätte gewonnen und das Ziel erreicht. Neeeiiin! Dummes Ding, wie soll ich denn jetzt wieder auf die Strecke kommen?

Aber T. ist startklar, Wasser trinken, Trinkgürtel umschnallen und los geht’s. Da Garmine gerade findet, wir seien schon fertig, schaffen wir es beim Neustart, die falsche Straße zu nehmen. Garmine zeigt beharrlich zurück, aber mangelndes Vertrauen in die Technik hat fatale Folgen – wir denken, sie will zum Auto, will sie aber gar nicht, sie hat vollkommen recht. Bis wir das kapiert haben und auf den Kurs zurück gefunden haben, sind wir 3 anstatt 1,3 km weit gelaufen, zum Teil etwas querfeldein. Egal, da zwischen zwei Waldstücken gab es ein Feld mit hübschen Blüten. Bei genauerem Hinsehen habe ich die dreieckigen Samen von Buchweizen erkannt. Toll, sowas habe ich noch nie gesehen.

Merkwürdigerweise kommt kein See – so ganz genau habe ich die Seen zwar nicht mehr im Kopf, aber es sollten noch mehrere kommen. Garmine scheint friedfertig, bis sie uns plötzlich wieder mitten in den Wald schickt. Ich habe inzwischen wohl zu viel Zutrauen in die Technik, oder begehe Bedienfehler, aber lustigerweise schwanken die Angaben der „Entfernung bis zum Kurs“ auf wenigen Schritten zwischen 40 und 480 Meter. Sehr verwirrend. Wir stolpern über moosüberwachsene Baumstämme auf Pfaden, die wohl eher Wildwechsel als Wanderwege sind. Ein Reh flüchtet vor uns. T. warnt mich, dass er sich weigern wird, diesen fiesen, dichten Industriekiefernforst zu betreten, alles, was recht ist. Weiß gar nicht, was er hat, noch stehen die Bäume doch recht weit auseinander. OK, schön ist es hier nicht, ich mag auch keine Kiefern (doch alleinstehende, aber keinen Kiefernwald).

Wir finden den Weg, verpassen dann aber nochmal eine Abzweigung. Diesmal ist es gut, denn die Minikarte zeigt an, dass wir abkürzen. Super, bei all den Umwegen, die wir schon gelaufen sind. Irgendwie haben wir auch zu wenig Wasser mit. Nur ein Trinkgürtel mit vier kleinen Fläschchen. Mein Magen fängt an zu knurren, dabei hatte ich ihn noch mit einem riesigen Frühstück versorgt, weil ich genau das immer befürchte – unterwegs hungrig zu werden. Aber wegen so einem Trainingslauf Proviant mitschleppen? Das ginge nun wirklich zu weit, da würde ja gar nicht der Stoffwechsel trainiert oder wie immer der Herr Steffny das gemeint hat. Durch die Abkürzung verpassen wir auch den dritten See, dafür ist dort, wo Garmine ganz eindeutig geradeaus will, ein Tümpel, der bei gpsies.com bzw. OSM nicht eingezeichnet war. Also schön crossig außen rum. Der Untergrund ist sehr anstrengend, Moos, Sand, Kiefernzapfen, und ich fange an, von schönem, glattem Asphalt zu fantasieren.

Ha, da ist ein See, der Große Karbuschsee (ist aber gar nicht groß) – der Weg streift ihn nur kurz und es geht zurück in die Kiefernhölle. Jetzt fehlt nur noch der Pätzer Hintersee, und eigentlich sind wir immer noch der Meinung, wir hätten den Weg so nah am See wie möglich gewählt. Nix is. Kiefern. Sandboden, und nochmal falsch abgebogen. Zurück in die Kiefern. Kann es sein, dass der Weg so weit vom See entfernt verläuft, dass wir nur ahnen können, dass er dort hinten irgendwo sein muss? Ja, das ist leider so. Es ist nicht schön, es ist sehr anstrengend, und: habe ich schon erwähnt, dass ich keinen Kiefernforst mag? Nach knapp 29 km erreichen wir den Dorfplatz von Pätz und Garmine verkündet zum zweiten Mal, wir hätten gewonnen. Schon kurz vorher sind wir uns einig, dass die gespeicherte Strecke auf gpsies.com dringend gelöscht werden muss – wir wollen schließlich nicht, dass andere Ahnungslose ebenfalls einen schönen Vier-Seenlauf versuchen.

Am Auto fallen wir über die Vorräte her: Butterbrezeln, ein mittelgroßes Sortiment an Fruchtriegeln und ganz viel Wasser. Uff – wollen wir noch baden? Ja, wir steuern noch die Badestelle an und schwimmen kurz das ganze Salz auf der Haut weg.

Fazit: auch wenn das nun nicht wirklich ein „schöner“ Lauf war, diese Marathonvorbereitung ist auf alle Fälle ein Abenteuer.