Laufen unterwegs – mit Morgenbad

Gestern war es nicht spät, wir waren schon kurz nach dem Dunkelwerden zurück bei Valentina und saßen noch eine Weile auf der Terrasse über dem Meer.

Ich bin kurz nach sechs wach und ziehe mir Laufsachen an. Draußen treffe ich Valentina, die wissen will, ob ich wieder ins Dorf spaziere – das habe ich gestern gemacht, um Frühstück zu besorgen, denn dies ist die erste Unterkunft, wo es kein Frühstück gibt. Aber heute will ich tatsächlich laufen, zeige in großem Bogen Richtung Lukovë-Beach und laufe dann los.

Am Haus oberhalb unserer Unterkunft, wo gestern der unfreundliche Hund war, treffe ich einen alten Mann, der Hund ist bei ihm, außerdem drei Kätzchen, die nicht älter als vier Monate sein können. Er fragt, woher ich komme – das kann ich verstehen und beantworten: „Nga gjermania“. Er bietet mir ein Bonbon an, ich lehne dankend ab und mache mit den Armen Laufbewegungen, er hebt den Daumen und sagt etwas, das anerkennend klingt, dann laufe ich weiter. Der Hund bleibt bei seinem Herrn, die Kätzchen erschrecken vor mir und rennen wild durcheinander. Der Mann geht ein paar Schritte, dann ruft er, und alle drei Kätzchen rennen Mann und Hund hinterher. Sowas habe ich noch nie gesehen. Alle fünf spazieren gemeinsam weiter.

Es ist ziemlich steil bis zur Straße hoch, aber die ist dann schön asphaltiert und leicht zu laufen. Naja, bis auf die Steigungen. An einer Kurve steht innerhalb eines eingezäunten Grundstücks eine Bank aus massivem Beton. Sie steht mit der Lehne Richtung Aussicht. Das finde ich seltsam, aber andererseits können die Leute hier ständig aufs Meer schauen und finden es vielleicht interessanter zu sehen, wer auf der Straße vorbei geht. Dann finde ich es seltsam, worüber der Kopf sich beim Laufen so Gedanken macht. Unter anderem über den Tag gestern.

Um den familiären Verpflichtungen gerecht zu werden, hatten wir Iliri Bescheid gegeben, wo wir abgeblieben sind. Und dabei auch gleich klargemacht, dass wir noch nicht nach Sarandë kommen, sondern noch eine Nacht in Lukovë bleiben würden. Im Überschwang schwärmte Titus vom Beach unterhalb der Sahnetorte und forderte Iliri auf, doch zur Abwechslung zu uns zu kommen. Wir hatten es am Strand sehr nett mit schwimmen, lesen, in die Gegend schauen, Steine zu einem Turm stapeln, wieder schwimmen.

Steinturm

Der Wirt der Strandbar zog sich einen Neo über, band sich eine Bleischnur und ein kleines Netz um, legte Taucherbrille, Schnorchel und Flossen an, griff sich eine Harpune und verschwand im Meer.

Am frühen Nachmittag gingen wir in die Strandbar und bestellten uns Pommes und Bier, als Mila, Iliri und zwei junge Leute ankamen. Anna und Ole aus Schweden, die eigentlich in Xamil an den Strand wollten, als Ilir sie, wer weiß wie, aufgesammelt und Ihnen einen viel besseren Strand versprochen hatte. Wir saßen noch eine Weile in der Strandbar, als der Wirt mit seinem Fang zurück kam, ein paar Oktopusse und Fische in verschiedenen Größen. Er macht das nur im Herbst, wenn es im Meer viel Fisch gibt. Im Sommer gibt es wenig Fisch und es sind zu viele Gäste da. Die bekommen dann Tiefkühlfisch.

Fang

Irgendwie gab Iliri plötzlich den Manager, besprach sich mit dem Wirt, fragte seine gesammelten Schützlinge, zu denen wir ja auch irgendwie zählen, welche Sorte Fisch wir essen wollten und wuselte und organisierte herum. Eigentlich wäre das überhaupt nicht notwendig gewesen, denn wir haben am Vorabend auch etwas zu essen bekommen – und ehrlich gesagt, war es günstiger. Es ist zwar schon fast zwanzig Jahre her, aber ich habe lange genug meine Brötchen im Tourismus verdient, um zu wissen, wie es läuft. Es ist dennoch ein wenig kränkend, wenn so sehr auf der Freundschaftsschiene gefahren wird, und es dann so offensichtlich scheint, dass da einer an unserem Abendessen mit verdient, der es weder gefangen, noch gekocht hat. Und der in unserem Fall noch nicht mal die Gäste rangeschafft hat. Eher umgekehrt.

Andererseits hat er wirklich sehr viel für uns getan, uns die wirklich tollen Unterkünfte in Berat vermittelt – und die echt zu teure in der düsteren Wohnung beim Schwippschwager. Wir haben den großartigen albanischsten Tag mit Mila und ihm verbracht, und da sind sie wirklich nur zum Spaß nach Berat gekommen, er ist für uns einen Riesenumweg gefahren, und hat uns gestern noch geholfen, den linken Hinterreifen zu wechseln, als der fast platt war – so schnell habe ich das noch nie gesehen. Seine Freundlichkeit und den Enthusiasmus, mit denen Iliri Pläne macht (und die Geschwindigkeit, in der er sie über den Haufen wirft und neue macht), halte ich für absolut echt. Vielleicht sind wir gestern einfach in seine Berufsausübung hineingeraten, und ich sollte das nicht überbewerten.

Von oben kann ich Valentinas Sahnetorte sehen. Eine interessante Abzweigung fällt mir auf, will ich da lang? Vielleicht lieber nicht, die Nebenwege sind sehr schwer zu laufen, steinig und sehr ausgewaschen. Oberhalb von Lukovë-Beach kommt es mir aber doch mühsam vor, all die Serpentinen nach unten und danach gleich wieder hoch zu laufen. Kühe muhen, Ziegen blöken, große und kleine Glöckchen um ihre Hälse bimmeln. Und es sind wieder jede Menge Hunde zu hören. Das gibt den Ausschlag, ich laufe zurück und biege in den interessant aussehenden Pfad ein. Wenn der in einem Bogen runter zu unserem Strand führt, könnte ich gleich ins Wasser springen. Das tut er dann leider nicht, so dass ich nach ein paar Biegungen doch wieder umkehre. Inzwischen gefällt mir aber der Gedanke an ein Morgenbad immer besser, so dass ich im Hotel nur schnell ins Zimmer springe, mir den bisher unbenutzten Laufrucksack schnappe, Badesachen und eine kleine Flasche Wasser hineinstopfe und den Weg runter zum Strand laufe.

Die Strandbar liegt noch verwaist, im Campingbus und dem alten Berliner Volvo-Kombi, die schon seit gestern hier stehen, ist es noch ruhig. Schnell ziehe ich mich um und springe ins Wasser. Ich schwimme parallel zum Strand, die Sonne kommt über die Hügel und wirft Lichtreflexe auf den Grund und auf meine Arme (auf die Beine vermutlich auch, aber die sehe ich ja nicht). Ist das schön, ein ganzes türkisblaues Meer für mich. Es ist glatt, ganz leichte Wellen heben mich leicht an uns lassen wieder los. Wunderbar.

Weil ich danach keine Lust habe, mit sandigen Füßen in Socken zu steigen, beschließe ich, den Kilometer zum Hotel barfuß zurück zu gehen. Das piekt mehr als ich vermutet hätte, aber es bleibt dabei, vorsichtig tapse ich über den Weg der hauptsächlich, aber zum Glück nicht nur, aus Kalkschotter besteht. Jeder große Stein und jede angetrocknete Lehmfläche ist willkommen. Das ist bestimmt prima Training für die kleinen Fußmuskeln. So, der zweite Teil des Tages kann kommen: mehr Strand.

Der kommt dann auch. Mal wieder, weil Iliri so sehr geschwärmt hat, machen wir nach einem Mittagsimbiss in unserer zauberhaften Strandbar einen Abstecher zum Strand von Kakome. Das ist eine Bucht, in der vor ein paar Jahren eine große Ferienanlage gebaut werden sollte. Es gab dann irgendwelche Streitigkeiten, jetzt liegt das Projekt brach. Es gibt eine Website, aber die wurde seit Jahren nicht aktualisiert. Die Zufahrt, die von der SH 8 dorthin führt, ist die bestausgebaute Nebenstraße Albaniens. Sie endet an einem metallenen Schiebetor, an dem zwar Zufahrt verboten steht, es kommt aber ein Mann, der es öffnet und für den Eintritt ungeheuerliche 1000 Lek verlangt. Dafür bekommt man ein Abendessen für zwei mit Bier. Wir bringen unsere höchste Bestürzung über diesen Preis zum Ausdruck, zahlen trotzdem und fahren aufs Gelände. Am Ende liegt die Bucht unglaublich malerisch zwischen zwei Bergrücken. Die Straßen der Anlage wurden geplant und die Begrenzungen lose aufgestellt, lustigerweise erscheinen sie auf allen Landkarten, auch wenn da nur Bordsteine in der Gegend stehen, zwischen denen das Gras wuchert, das auf den meistbenutzten Wegen plattgefahren ist.

Zwei, drei Bauruinen stehen herum. Und das Ganze führt außen ein Zaun herum. Die Bucht liegt traumhaft und ist eigentlich wunderschön. In der Mitte steht ein Betonsteg, der im Zerfall überall rostige Armierung freigibt. Der Strand ist mit Plastikmüll übersät. Ein Stück abseits steht ein toter Jeep. So ein schöner Ort in einem höchst seltsamen bis unerfreulichen Zustand. Im seichten Wasser sehen wir kleine Fischchen, silbrig mit schwarzem Punkt vor der Schwanzflosse und einen gelb-rosa-türkis-karierten. Im Wasser schwimmt viel Seegras und andere Pflanzenteile, aber dafür kann die Bucht nichts, das war heute in Lumra genauso. Wir schwimmen ein bisschen, sitzen dann am vollkommen schattenlosen Strand unter dem albanischen Regenschirm. Nee, eine Empfehlung ist das hier eher nicht.

Der albanischste Tag

Heute ist wieder Laufen dran. Kurz vor sieben öffne ich den großen Eisenhaken am Hoftor und trete auf die Gasse. Ich laufe zur Fußgängerbrücke über den Osum, durchs alte christliche Viertel Gorica und dann aus dem Ort hinaus, auf einem steilen Pfad bergan. Das ist gut für die Aussicht, aber mir viel zu steil zum Laufen.

Berat

Macht nix, dann gehe ich halt, so flott es geht. Das Gras ist sehr nass, der Weg schlammig.

Gestern Abend regnete es mal wieder. Auf der Dachterrasse des Mangalemi war die große Plane stellenweise undicht geworden, die Tische wurden so gerückt, dass sie möglichst nicht betropft wurden. Als die Vorspeisen serviert wurden, brach das Gewitter richtig los, alle Gäste bewunderten die Sturzbäche unten auf der Straße.

Regen

Während des Hauptgangs fiel in der ganzen Stadt der Strom aus. Es wurden Kerzen aufgestellt und der Abend wurde fast ein bisschen romantisch. Irgendwann ging der Strom wieder an.

Am Zaun einer sehr großen Bauruine biegt der Weg ab und lässt sich wieder ein Stück laufen. Ob das hier mal ein Hotel werden sollte? Es sieht jedenfalls nicht aus, als würde hier in absehbarer Zeit weiter gebaut. Am gegenüberliegenden Flussufer stand in kommunistischer Zeit in riesigen Buchstaben „ENVER“ am Berg. Inzwischen hat sich jemand die Mühe gemacht, daraus „NEVER“ zu machen. Der Weg geht schon wieder bergab, allerdings muss sich hier letzte Nacht ein Wasserfall gebildet haben, der selbst größere Steine losgerissen hat. Es ist ausgeschlossen in dieser fiesen Mischung aus Schlamm und Steinbrocken zu laufen. Dann wird das halt ein Morgenspaziergang. In weitem Bogen gelange ich zurück in die Stadt, freue mich über den schönen Asphalt und wechsle über die Gorica-Brücke auf die andere Seite des Osum, um noch einen schönen Blick auf Gorica zu haben. Das war’s auch schon, denn wir haben heute noch Pläne.

Gorica

Iliri und Mila sind nach Berat gekommen, um uns zu treffen. Wir wollen zuerst gemeinsam die Burg von Berat besichtigen – dort befindet sich der älteste Teil der Altstadt – dann nach Byllis fahren, einer der bedeutendsten illyrischen Ausgrabungsstätten in Albanien. Mila war als Kind oft auf der Burg von Berat bei einer Kusine ihrer Mutter zu Besuch. Es hat bestimmt Spaß gemacht hier zu spielen. Iliri telefoniert die halbe Zeit, ohne Smartphone am Ohr ist er nicht komplett, Mila sagt, für ihn müsste es ein Phone-Implantat geben. Wir machen Fotos vor Gemäuer, irgendwann rennt Iliri davon und ruft im Laufen, er müsse etwas erledigen und käme gleich wieder. Er fährt vom Parkplatz aus durchs Burgtor herein, Mila steigt ein und sie fahren durch die schmalen Gassen der Burg davon. Wir klettern ein bisschen auf den Außenmauern herum, bis die beiden zurückkommen. Iliri hat einen Spitzendeal gemacht und irgendwo unglaublich günstig zwei Wasserpfeifen erstanden. Womöglich antik? Er will sie uns später zeigen, aber das vergessen wir dann irgendwie.

Dann fahren wir Richtung Fier, die beiden voraus, wir immer hinterher. Erst sind wir ein bisschen besorgt, ob wir wohl mit einem albanischen Vielfahrer mithalten können, aber Iliri fährt sehr zivilisiert. In einem Dorf hält er an einer Tankstelle und verkündet, dass wir dort Kaffee trinken. Das Café ist ein futuristisches Objekt in den Tankstellenfarben gelb und grün, vorne gibt es eine Terrasse, die gut besucht ist. Von Männern versteht sich. Hier sind es junge Männer, ob sie sonst was zu tun haben, wissen wir nicht, es ist schließlich Sonntag. Iliri telefoniert wieder, ein Freund kommt, der einen Verband am Bein hat. Er hat es sich beim Raki-Brauen verbrannt, und Iliri hat von seiner Mutter, die Ärztin ist, Salbe geschickt. Es kommt noch ein Freund, es wird geplaudert und viel geraucht, dann fahren wir weiter.

In Fier hält Iliri kurz an und kommt nach hinten gelaufen, um uns zu erklären, dass wir lieber erst zu Mittag essen sollen und danach erst nach Byllis fahren. Wir würden außerdem gleich Bekannte treffen. Eine Straßenkreuzung weiter warten Klodi und Eri, die beiden, die vor ein paar Tagen ihren Urlaub abbrechen mussten. Mit drei Autos geht es weiter. Wir halten bei einem Restaurant, das „Tempulli Apollon“ heißt. An der Straße steht ein älterer Mann in albanischer Tracht mit der weißen Filzkappe und versucht, die vorbeifahrenden Autos zu einer Pause zu bewegen.

Tempulli Apollon

Iliri und Klodi trinken als Aperitif einen Raki, alle anderen Wasser. Drinnen ist der Tisch für uns mit den unglaublichsten Dingen gedeckt, gegrilltes Gemüse, Salat, Oliven, gebratene Leber, gebratener Käse, Zaziki, Pommes, unglaublich fluffiges, frittiertes Fladenbrot – und viele Teller mit Fleisch von am Spieß gebratenem Lamm. Erstmal Anstoßen und Gruppenbild.

Albanisches Essen

Das Fleisch ist allerdings speziell: auf zwei Tellern, von denen der eine vor Iliri, der andere vor uns platziert wird, liegt je ein längs durchgesägter halber Kopf. Iliri behauptet, der sei das beste. Auf den anderen Fleischtellern liegen Berge von Lamm, das Tier wurde einfach zerteilt, alles ist dran, die Innereien zum Teil noch drin. Es heißt, wir sollen mit den Händen essen, und Iliri reißt seiner Lammkopfhälfte erstmal den Unterkiefer ab, Mila stochert sich mit der Gabel Hirn aus dem Schädel. Da Mila sonst kaum Fleisch isst, beschließe ich ihr alles nachzumachen und hoffe, dass das alles schon schmecken wird. Ich stochere mutig Hirn aus unserer Schädelhälfte, reiße den Unterkiefer ab und knabbere an den Lammwangen. Es schmeckt wirklich sehr gut. Iliri bohrt mit den Fingern im Schädel und legt Mila „das Beste“ auf den Teller: das Auge. Sie zerteilt es mit dem Messer und gibt ihm die Hälfte zurück. Ok, das kann ich auch: ich ziehe und drücke ein bisschen im Schädel herum, bekomme das Auge zu fassen und teile es längs mit dem Messer: Da muss Titus jetzt mit durch. Es graust mir ein bisschen, aber was soll schon passieren? Ohne das Teil genauer anzusehen schiebe ich es in den Mund. Ich finde nicht, dass es das Beste ist, aber es schmeckt gut, die Konsistenz fühlt sich ein bisschen an wie ein Stückchen Tintenfisch. Es wird mir noch eine Niere gereicht, die irgendwo im Fleischberg steckte, auch die teile ich mit Titus. Sie schmeckt sehr gut. Als wir wirklich nicht mehr können, kommt der Nachtisch, eine Art glibberig-fester Pudding, der sich zum Glück mit der Gabel aufspießen lässt. Ein junges Biker-Pärchen kommt herein und fragt, woher wir kommen, und was sie essen sollen. Iliri nimmt sich der beiden an und bestellt ihnen Fleisch, Salat, Tsatsiki und Pommes. Von uns bekommen sie die restlichen Oliven und die Leber. Sie werden noch aufgefordert sich zu melden, wenn sie nach Sarandë kommen, dann brechen wir auf.

Unser kleiner Konvoi fährt über Ballsh nach Byllis. Es fängt wieder an zu regnen. Auf dem Parkplatz vor dem Ausflugslokal wartet Eris Schwester Anxhela, und wir erfahren, dass die Mädels hier oben ihre Kindheit verbracht haben. Weil es so schlimm regnet, gehen wir erstmal einen Kaffee trinken. Anschließend hat Iliri wieder eine Idee: er fährt unser Auto „nach unten“, wir können einen Rundgang durch die Ruinen machen und dann unten wieder einsteigen. Das klingt plausibel, Anxhela kommt als einzige mit nach draußen. Die Ruinenstadt von Byllis ist sehr groß und auf einem Berg oberhalb der Vjosa gelegen. Die Aussicht ist trotz Regen spektakulär. Ich versuche den Schirm über Anxhela zu halten, die uns den Weg zeigt und öfter mal „Let’s have a look here“ sagt.

Byllis

Wir sind um einiges länger unterwegs als ausgemacht, und ich dränge immer wieder darauf jetzt doch mal „hinunter“ zu gehen. Mila und Iliri müssen noch zurück nach Sarandë, und Byllis im Regen entspricht ganz offensichtlich sowieso nicht gerade ihren Vorstellungen von einem gelungenen Sonntagnachmittag. Anxhela telefoniert mit ihrer Schwester, aber es muss ein Missverständnis geben, denn sie führt uns zurück zum Lokal, wo der Parkplatz leer ist. Sie telefoniert noch einmal, und nach wenigen Minuten kehrt Iliri mit unserem Autochen zurück um uns abzuholen.

Auf einer winzigen Nebenstraße – auf der Karte weiß eingezeichnet- geht es direkt hinunter ins Vjosa-Tal. Vor der Autobahnauffahrt nach Vlorë, hält Klodi einfach an der Straße, alle steigen aus, es werden noch Gruppenfotos gemacht, herzlich verabschiedet, dann folgen wir Iliri auf die Autobahn. Wir werden in Vlorë vor dem Hotel Paravësia (Unabhängigkeit) abgeladen, es gibt einen letzten Kaffee, dann winken wir dem Peugeot mit der Aufschrift „Villa Joanna & Mattheo“ nach, bis sie um die Ecke gebogen sind.

Laufen unterwegs – Përmet

Auch diese Nacht gab’s Gewitter und Dauerregen. Aber nach dem Aufwachen bietet der Vjosa-Blick aus dem Hotelfenster Sonne über den schnellen, dunkelgrauen Wassermassen. Ich laufe aus dem Hotel, biege rechts ab und nehme die Schotterstraße, die parallel zum Fluß ins nächste Dorf führt. Auf der Karte ist sie gelb eingezeichnet. Der Berg in der Ferne trägt Wolkenmütze.

Vjosa-Tal

Gestern Abend hatten wir das erste höchst unleckere Essen, was ich schon ziemlich doof fand, denn am Nachmittag bei unserer Stärkungssuppe – die echt ok war – hat der Wirt ja so einen vom Pferd erzählt, wo er schon überall gekocht hat. Dreiundvierzig Jahre überall, im Hilton in Moskau vier Jahre, aber es war ihm zu hektisch, da hat er investiert, diesen Laden aufgemacht, und jetzt ist er hier. Es hat überhaupt nicht geschmeckt.

Danach waren wir noch Flanieren, das macht man in Albanien am Abend. Es heißt Xhiro, und alle spazieren auf der Hauptstraße auf und ab. In Përmet wurde dafür vor dem Kulturpalast extra neu gepflastert, das heißt, noch ist es nicht fertig, deshalb muss das Zentrum mit dem Auto gegen einige Einbahnstraßen umfahren werden. Ortsfremde tun sich damit ein wenig schwer, es hilft dann den Einheimischen zu folgen. Es sind nur wenige hundert Meter, auf denen flaniert wird, am Ende kehrt man um und geht zurück. Das gibt es überall, und es ist sehr schön, ganz besonders, wenn es sonst nicht viel zu tun gibt. Auch für Auswärtige ist schön, den Einheimischen beim Flanieren zuzuschauen.

Meine Laufstrecke ist gut gewählt, denn das nächste Dorf ist einige Kilometer entfernt, das heißt, es gibt keinen Grund für Hunde ausgerechnet dort herumzustreunen. Ein Fußpfad (wobei: wer weiß, wie sie den klassifizieren?) führt zu einer Hängebrücke, dahin mache ich einen kurzen Abstecher – ich sammle gerade albanische Brücken.

Vjosa-Brücke
Zurück auf der Schotterstraße kommt ein Mann auf einem Esel entgegen. Dann ein Mercedes. Hier gibt es vermutlich die höchste Pro-Kopf-Mercedes-Dichte der Welt, viele alte noch vorelektronische Modelle, aber auch einige neue. Gelb ist eine besonders beliebte Farbe. Ein weiterer Mercedes steht einfach so herum, niemand ist zu sehen. Als der Weg von der Vjosa weg Richtung Hang abbiegt, kehre ich um – Zeit für ein Frühstück. Jetzt ist auf der Straße mehr los, ich werde von drei Autos überholt, zwei Mercedessen und einem kleinen Laster. Ich mache jedes Mal Platz und grüße. In dem einen Mercedes sitzen mindestens sechs Leute, vier Große und ein paar Kinder die kriegen sich vor Lachen gar nicht mehr ein. Vor allem die Oma auf dem Beifahrersitz winkt enthusiastisch.

Zurück im Ort drehe ich noch eine kleine Runde um den zentralen Park, eigentlich nur, um noch einmal an diesem Phänomen albanischer Baukunst vorbei zu kommen:

Beton

Die haben sich offensichtlich nicht so ganz einigen können, wo das Baugrundstück endet und wo die Straße anfängt.

Laufen unterwegs – zur Burg von Sarandë

Es ist kurz vor halb sieben, draußen krähen eine Menge Hähne. Kurz überlege ich, ob ich doch noch zu müde bin, aber dann krame ich doch die Laufsachen aus dem Gepäck und trete auf die Terrasse vor unserem Zimmer. Überall stehen Blumenkübel, Mila liebt ihre Blumen und hat aus allen möglichen alten Eimern und anderem Schrott bunte Pflanzgefäße upgecyclet. Gestern hat sie mir in einer Runde ums Haus alle gezeigt, mich an Blumen und Kräutern riechen lassen, und während des Kochens kam sie mehrmals in den Garten, um Kräuter und Chillies zu holen. Das Abendessen war sensationell, köstlicher Salat, frisches fluffiges Brot, gebackener Schafskäse mit Honig, Kräutern und frischen Feigen, große saftige Shrimps mit Rosmarin und Chilli, eine unglaublich zarte Seezunge, und zum Nachtisch geschnittenes Obst mit etwas Soße aus Kornelkirschenmarmelade und Kräutern – bis gestern wusste ich nicht, was Kornelkirschen sind, aber das Haus hat zum Glück WLAN.

Das Glöckchen am Gartentor bimmelt ein wenig, als ich es auf- und wieder zuziehe, dann trabe ich die Straße der 40 Wissenschaftler hinab, biege kurz in die Hauptstraße ein, die von rechts aus dem Zentrum von Sarandë herauf führt, aber ich laufe nach links und gleich wieder rechts weg Richtung Burg. Sarandë ist nicht gerade schön, an den Hängen stehen fast mehr Bauruinen als fertige Häuser. Titus war in den Achtzigern schonmal mit einer Uni-Exkursion hier und hat bisher gar nichts wiedererkannt. Ich glaube, es gibt hier kein einziges altes Haus mehr, gesehen haben wir jedenfalls noch keines.

Direkt am Meer entlang zieht sich eine Bergkette, dahinter eine Ebene, und hinter den Bergen dahinter kommt gerade die Sonne hoch. Ich trabe die Straße zur Burg hoch, das ist nicht sehr weit. Mir begegnet ein älterer Mann, drei Jungs kommen mir im Dauerlauf entgegen, wobei das eher nach „der Schulbus fährt gleich ab“ als nach sportlicher Aktivität aussieht. An allen probiere ich mein „Mirmengjes“ aus, alle antworten. Prima, der Sprachführer scheint zu funktionieren.

Leuchtturm

Auf dem Sattel unterhalb der Burg steht ein kleiner Leuchtturm, von hier kann ich endlich das Meer sehen. Die Luft ist diesig, das Meer schön, Sarandë nicht so. Gestern sind wir nach der Ankunft mit der Fähre auf der Suche nach unserer Unterkunft ziemlich lange herumgeirrt, weil auf dem Anfahrtsbildchen bei booking.com die Straße falsch eingezeichnet war. Anscheinend ist es so, dass man hier auf Fragen gerne freundliche Antworten bekommt, das muss aber nicht heißen, dass die gefragte Person tatsächlich etwas weiß. Vorher buchen hat echt Nachteile. In einer Strandbar, wo wir einkehren, weil es WLAN gibt, wovon wir uns weitere Erkenntnisse erhoffen, ist der Barmann lustigerweise ein Cousin unseres Wirts. Er telefoniert und zwanzig Minuten später werden wir abgeholt. Die Unterkunft – Villa Joanna & Mattheo liegt dann keinesfalls im Zentrum wie angenommen, dafür gibt es Aussicht über die Ebene bis zu den Bergen.

Die Burg ist offen, im Burghof stehen viele Tische und Stühle, hier muss in der Saison – oder später am Tag – richtig was los sein. Von der Terrasse aus versuche ich es mit ein bisschen fotografischer Dokumentation, wie ging das mit dem Panorama-Modus? Da unten steht das Haus von Mila und Iliri.

Sarandë

Als ich wieder aus dem Burgtor laufe, kommt mir eine Herde schöner bunter Ziegen entgegen. Der alte Hirte scheucht gerade einen freilaufenden großen Hund mit dem Stock weg. Blöd, der steht jetzt in der Abzweigung, wo ich gehofft hatte auf der Meerseite runterlaufen zu können. Ich grüße den Hirten und versuche zu fragen, ob ich wohl an dem Köter vorbeikomme, aber der Mann sagt nur „jojo“ (was „nein“ heißt) und weist mit dem Stock die Straße entlang, so dass ich dieselbe Strecke zurück nehme. Noch einmal versuche ich einen alternativen Schotterweg, aber auch dort werde ich von zwei ganz plötzlich in aggressives Gebell ausbrechenden Hunden erschreckt. Zum Glück ist zwischen uns ein Zaun, auch wenn der nicht sehr zuverlässig aussieht. Überhaupt scheinen die Hunde hier rechte Langschläfer zu sein, die inzwischen leider alle aufgewacht sind.

Auf dem Rückweg biege ich wieder in die Straße der 40 Wissenschaftler ein (ich liebe diesen Straßennamen!), laufe dann aber doch am Haus vorbei, denn es ist gerade erst eine halbe Stunde rum. Auf den Berg der 40 Wissenschaftler gelange ich aber leider nicht, denn die Stichwege führen immer nur bis zu den Einfahrten der Häuser und Bauruinen. Einmal kürze ich über ein Brachgrundstück ab. Ein struppiger kurzbeiniger Hund kommt mir entgegen, der aber sehr gut auf den alten Trick mit dem nach-einem-Stein-bücken reagiert und verschreckt weghüpft. Fast finde ich es unfair, meinen morgendlichen Hundefrust ausgerechnet an so einer harmlos aussehenden Töle auszulassen – wobei, um das klarzustellen: ich habe mich nur gebückt und einen Stein weder aufgehoben noch geworfen.

Ich umrunde einen schönen Moscheeneubau, der noch nicht fertig ist. Man kann durch die Fenster reinschauen, in einem Raum stehen bunte Schulmöbel, in der großen Halle liegt ein halb zusammengerollter großer Teppich. Weil es keine weitere Querverbindung zu meiner Straße gibt, laufe ich ein zweites Mal ein Stück Hauptstraße, bevor ich wieder in die 40 Wissenschaftler einbiegen kann (ha, ich konnte es nochmal hinschreiben!). Der alte Mann im Kiosk an der Ecke lacht, als er mich schon wieder sieht und winkt freundlich. Der Lauf endet am Gartentor zu Milas Blumenparadies.

P.S.: Wir haben uns eben schlapp gelacht über die späte Erkenntnis, dass die Straße leider gar nicht, wie Iliri übersetzt hat „Street of 40 Scientists“ sondern „of 40 Saints“ heißt. Wäre ja auch zu schön gewesen!

Verkehrsspiegel und Wasserbüffel

Sonntagslauf – es soll eine ganz neue Strecke werden, eine, wo ich noch nie zuvor gelaufen bin. Anreise soll mit der BVG bequem möglich sein, denn ich habe keine Lust, am Ende wieder die immer gleichen Straßen durch Schöneberg zu laufen. Also fix auf GPSies Strecke gesucht, heruntergeladen, auf Movescount wieder hinaufgeladen, von dort auf die Uhr geschubst, und los (klingt umständlich, aber das Kartenmaterial bei Movescount taugt nicht viel). Es ist heiß, also Laufrucksack mit Wasserfläschchen aufgesetzt – eins oder zwei? Eins sollte reichen.

Ich steige am Theodor-Heuss-Platz aus und mache mich auf durch die Baumalleen von Alt-Westend: Lindenallee, Rüsternallee, Kastanienallee, Eichenallee, Eschenallee – an jeder Allee stehen ordentlich die namengebenden Baumsorten. Bin mal wieder verblüfft, wie viele Villengegenden es in dieser Stadt gibt. Die Villenkolonie hier heißt nach dem bekannten Londoner Stadtteil und entstand seit den 1860er Jahren. Ich kurve um den kreisrunden Branitzer Platz und bin recht beeindruckt. Vom nördlichen Ende der Eschenallee sehe ich zwei Türme, einen großen und einen kleinen, das sind die ehemaligen Wassertürme Charlottenburg I und II, die in den letzten paar Jahren zu Eigentumswohnungen umgebaut wurden. Das müssen sehr coole Wohnungen sein.

Ich quere den Spandauer Damm und laufe durch die Kleingartenanlage Kolonie Bismarcksruh. Es ist warm, ich laufe durch Heckenrosenduftwolken. Einige Gärten sind sehr speziell dekoriert. Ob der Kleingärtner, der da aus der Hecke späht, ein Ausdruck von Selbstironie ist?

Kleingärtner

Am Ende der Kolonie biege ich links in den Höhenweg und laufe parallel zum Spreetal. Der Blick auf die Spree ist durch Bäume verborgen, aber gelegentlich ergibt sich ein Blick aufs imposante Kraftwerk Reuter West. „Verkehrsspiegel und Wasserbüffel“ weiterlesen