Igel allein am Start

Bahnfahren ist schön, wenn ich auch im Moment nicht so genau weiß, wohin mit den müden Beinen. Ich bin froh, dass ich in der Bahn sitze, denn heute früh kam mir mein Zeitplan noch ein klein wenig gewagt vor. Der ging nämlich so: ich radle nach Steglitz (sind nur zehn Minuten), laufe mal eben schnell den Sportscheck Stadtlauf Berlin über die Halbmarathondistanz, dann radle ich wieder heim, dusche fix, schnappe mir den fertig gepackten Rucksack und erwische einen Zug um 12:49 Uhr. Die einen sagten, du bist bekloppt, die anderen, das schaffst du locker, und denen, die fragten, weshalb nimmst du nicht einen späteren Zug, musste ich erklären, dass es dann nicht zum Nachtzug München-Florenz reicht, und wenn ich mich morgen früh nicht in Pisa einfinde, werde ich enterbt, denn die Reise ist ein Geschenk von meinem Bruder und mir für die Eltern. Zur Goldenen Hochzeit, also wichtig.

Ich bin sowieso so eine olle Hibbeline, aber der Zeitplan und ein weiterer ungünstiger Faktor, machen mich besonders nervös. Obwohl er sich seit Monaten drauf gefreut hat, kann der Hase heute nicht antreten, weil er eine Erkältung erwischt hat. Oh je, wie soll ich denn alleine schnell laufen? Bekanntermaßen liegt Beißen mir doch gar nicht. Andererseits habe ich außer meinem Fahr- auch noch einen Trainingsplan, und der schreibt vor, dass der Vorbereitungs-HM in 1:53 zu laufen sei. Na, und wenn ich das schaffe, bekomme ich auch meinen Zug. 

8:00 – ich radle los. Wo stelle ich nur mein Rad ab? Wo komme ich danach möglichst schnell durch die Massen? Ich entscheide mich für einen Bauzaun – um ganz genau zu sein, eine Baustellenausfahrt, die heute nicht gebraucht wird. Was, wenn ich es nicht schaffe und vorzeitig (also bei km 19 wenige 100 m von meiner Haustür entfernt) aussteigen muss? Rettet dann jemand mein Rad vor tonnenschweren Baumaschinen? Ich hoffe es und schließe das Rad an.

8:15 – der weltbeste Hase, heute als Supporter unterwegs, erwartet mich vor der Bank am U-Bahnhof Schloßstraße. Er hat mir zwei Gels mitgebracht, die angeblich ohne Wasser funktionieren. Eines soll ich in die Shirttasche stecken für km 15, das andere wird er mir bei km 10 bereits aufgeschraubt reichen. Kollege S., der nur den Zehner läuft, kommt auch schon, wir tun, was vor einem Rennen zu tun ist, und stehen dann in einer unordentlichen Menschenansammlung, die die Veranstalter möglicherweise für einen Startblock halten. 

9:00 – nix passiert. Wenn ich bis elf fertig werde, reicht es. Um 9:05 werde ich ungeduldig. Alle Umstehenden wissen inzwischen von meinem Zug. Nicht ganz zu Unrecht schlägt die Nachbarin vor, ich brauche ja nur schneller zu laufen. Ja schon, aber wie denn ohne Hasen?

9:07 – irgendwo da vorne ist jetzt wohl ein Startschuss gefallen. Und dann geht es doch ganz flott voran, um 9:10 passiere ich die Startmatte und es läuft. Das Wetter ist perfekt, kühl, sonnig. Wo die Grunewaldstraße leicht bergauf geht, sind die Massen von orange-weißen Shirts zu sehen. Auch wenn ich es eigentlich nicht so toll finde, wenn der Veranstalter mir vorschreibt, was ich anziehen soll, in dem Moment sieht das einfach klasse aus. Sonst gibt es gar nicht viel zu erzählen, es ist gar nicht schlimm, dass es eine Doppelrunde ist. Bei km 10 jubelt und supportet der Hase ganz spitzenmäßig. Die Virtual Partnerin, die als Hasenersatz herhalten muss, läuft irgendwann zwar einmal bis auf 39 Meter heran, kann dann aber doch beinahe wieder ausreichend abgehängt werden. Unterwegs versuche ich gelegentlich, mir Beine zum Hinterherlaufen zu suchen, das klappt aber nicht so richtig, denn die, die mich überholen, sind fast alle zu schnell, um dran zu bleiben, und die, die ich vor mir aussuche, meistens zu schnell einge- und überholt. Eine dünne Frau hat ein gutes Tempo, sie überholt mich auf km 15, bei 17 habe ich sie wieder, bei 19,5 sie mich, und auf der Zielgerade ziehe ich noch vorbei. Die meiste Zeit bin ich aber ganz selbstgenügsam mit Garmine unterwegs. 

11:03 – selbstgemessene siebzehn Sekunden über Plan (was soll’s? Es war ein hasenloser Testwettkampf, und: jaha, ich habe nicht „alles“ gegeben) drücke ich auf der Zielmatte die Uhr ab, drängle kaum am Erdinger-Stand (die meisten haben einfach nicht kapiert, dass das ist wie an den Wasserstellen: für maximal effiziente Bierausgabe muss man sich auf die ganze Standbreite verteilen), treffe den Hasen, der ein Foto nach dem anderen schießt, mir die aufbewahrten Klamotten zurück gibt und mich zum Fahrrad begleitet. Es macht Spaß, auf der Gegenfahrbahn dem Lauf entgegen zu radeln, da kommen noch ganz viele. Ein Mitradler, der besser freihändig fahren kann als ich, klatscht den Läuferinnen und Läufern zu, ich klingle die ganze Zeit und hoffe, dass sie sich davon auch angefeuert fühlen.

11:22 – schließe ich die Wohnungstür auf und habe eine komfortable Dreiviertelstunde für alles weitere. Das war ja wirklich ein entspannter Wettkampf.

Ja, und jetzt sitze ich im Zug und freu mich auf eine Woche Sommer, auf unbekannte Laufstrecken, und auf den nächsten langen Lauf mit dem bis dahin hoffentlich wieder gesunden Hasen.

Das Kieferngrauen von Pätz

Gpsies.com ist super. Da kann man Strecken abstecken und sie anschließend auf die Garmine schubsen. Ab ins Gelände, Kurs starten und los geht’s. Garmine sagt, wo’s lang geht. Meistens. Bzw. meistens auch in die richtige Richtung.

Der Hase ist leider verreist, der Plan verlangt am Sonntag den ersten 27er. Das ist für die Debütantin in spe an sich schon ein kleines Abenteuer. T. bietet an, die letzten 17 km mitzulaufen, denn sein nächstes Ziel ist ein Halbmarathon. Wir tüfteln also auf gpsies.com eine Strecke aus, die jede Menge Seen und Wald enthält. Ich soll am Anfang der Strecke ausgesetzt werden, den ersten Teil von 10 km bis auf den Dorfplatz von Pätz laufen, dort am Auto gibt’s Wasser, anschließend laufen wir gemeinsam den zweiten Teil. Super Plan, auf die Garmine geladen, allet schick.

Kieferngrauen

Über die Autobahn dauert es von mir zu Hause kaum länger als bis zum Schlachtensee. In Schenkendorf werde ich also auf die Strecke geschickt und ermahnt, keinesfalls schneller als die im Plan vorgesehenen 6:30 min/km zu laufen. Alles klar. Nach wenigen hundert Metern fällt mir auf, dass ich das Handy vergessen habe – wenn irgendwas „passieren“ sollte, haben wir also keine Möglichkeit ein Wiedersehen zu koordinieren. Egal, dann passiert eben nix, aber ein kleines bisschen seltsam ist mir schon.

Nach knapp einem Kilometer beginnt der Weg am Krummen See entlang. Es ist etwas „trailig“, ein schmaler, wurzeliger Pfad. Vor mir sehe ich ein Lama. Hö? Nicht nur eins, da werden fünf Lamas an Leinen spazieren geführt. Auf dem Rücken tragen sie bunte Packsättel mit ein bisschen kleinem Gepäck. Die Biester sind ziemlich schreckhaft, die Gruppe bleibt zwar mehr im Gebüsch als auf dem Weg stehen, aber als das hinterste schon ausschlägt, als es mich nur kommen hört, stelle ich das Laufen ein und gehe lieber zügig an ihnen vorbei. Sie sehen sehr weich aus, und ich hätte gerne eins angefasst.

Nach dem Krummen See geht es durchs Naturschutzgebiet Sutschketal, auch sehr hübsch, recht tropisch, mit viel Farn. Es ist passenderweise ordentlich schwül, der Himmel grau verhangen. Viel zu schnell ist das Tal zu Ende und es geht durch Bestensee. Schon von weitem höre ich live Blasmusik. Während ich mich noch frage, wieso es bei den ersten Tönen schon so offensichtlich ist, dass die Töne nicht aus der Konserve kommen, sprießen mir schon die ersten Pickel. Es gibt einfach Musik, die echt schwer zu ertragen ist. Zu allem Überfluss spielt die Kapelle genau in dem Moment, als ich am Biergarten vorbei laufe, „Muss i denn…“ Mist! Ohrwurm! Und so ein grässlicher. Dagegen hilft nur ansingen. Ich überlege mir also ohrwurmtaugliches Liedgut und versuche laut zu singen, um die Blasmusik aus dem Kopf zu verscheuchen. Habe schließlich mal bei Jogmap gelesen, dass manche im Laufen singen können. Ich schaffe nur eine Strophe und muss dann im Kopf weiter singen, weil die Puste nicht reicht.

Bestensee ist lang und recht öd. Es gibt zwei Bestattungsunternehmer, die beide unter anderem Seebestattung und Trauerhilfe anbieten, einer ist im selben Gebäude wie die Psychologische Praxis. Praktisch. Auf Plakaten wird für „Draußen Tanzen“ und den „13. Spreewälder Gurkentag“ geworben. Mir scheint auf öden Straßen muss ich alle verfügbaren Buchstaben lesen. Irgendwann darf ich von der Straße abbiegen und es geht um den Pätzsee. Die Badestelle verführt fast zum verfrühten Abbruch – Wasser ist toll. Aber zum Baden ist später noch Zeit. Nach 11 km erreiche ich den Dorfanger von Pätz und da steht auch schon T. am Auto. Schade, dass dieser Punkt auch das Ziel der Gesamtstrecke ist – der Rest ist logischerweise ein Rundkurs – so dass Garmine stolz fiept und verkündet, ich hätte gewonnen und das Ziel erreicht. Neeeiiin! Dummes Ding, wie soll ich denn jetzt wieder auf die Strecke kommen?

Aber T. ist startklar, Wasser trinken, Trinkgürtel umschnallen und los geht’s. Da Garmine gerade findet, wir seien schon fertig, schaffen wir es beim Neustart, die falsche Straße zu nehmen. Garmine zeigt beharrlich zurück, aber mangelndes Vertrauen in die Technik hat fatale Folgen – wir denken, sie will zum Auto, will sie aber gar nicht, sie hat vollkommen recht. Bis wir das kapiert haben und auf den Kurs zurück gefunden haben, sind wir 3 anstatt 1,3 km weit gelaufen, zum Teil etwas querfeldein. Egal, da zwischen zwei Waldstücken gab es ein Feld mit hübschen Blüten. Bei genauerem Hinsehen habe ich die dreieckigen Samen von Buchweizen erkannt. Toll, sowas habe ich noch nie gesehen.

Merkwürdigerweise kommt kein See – so ganz genau habe ich die Seen zwar nicht mehr im Kopf, aber es sollten noch mehrere kommen. Garmine scheint friedfertig, bis sie uns plötzlich wieder mitten in den Wald schickt. Ich habe inzwischen wohl zu viel Zutrauen in die Technik, oder begehe Bedienfehler, aber lustigerweise schwanken die Angaben der „Entfernung bis zum Kurs“ auf wenigen Schritten zwischen 40 und 480 Meter. Sehr verwirrend. Wir stolpern über moosüberwachsene Baumstämme auf Pfaden, die wohl eher Wildwechsel als Wanderwege sind. Ein Reh flüchtet vor uns. T. warnt mich, dass er sich weigern wird, diesen fiesen, dichten Industriekiefernforst zu betreten, alles, was recht ist. Weiß gar nicht, was er hat, noch stehen die Bäume doch recht weit auseinander. OK, schön ist es hier nicht, ich mag auch keine Kiefern (doch alleinstehende, aber keinen Kiefernwald).

Wir finden den Weg, verpassen dann aber nochmal eine Abzweigung. Diesmal ist es gut, denn die Minikarte zeigt an, dass wir abkürzen. Super, bei all den Umwegen, die wir schon gelaufen sind. Irgendwie haben wir auch zu wenig Wasser mit. Nur ein Trinkgürtel mit vier kleinen Fläschchen. Mein Magen fängt an zu knurren, dabei hatte ich ihn noch mit einem riesigen Frühstück versorgt, weil ich genau das immer befürchte – unterwegs hungrig zu werden. Aber wegen so einem Trainingslauf Proviant mitschleppen? Das ginge nun wirklich zu weit, da würde ja gar nicht der Stoffwechsel trainiert oder wie immer der Herr Steffny das gemeint hat. Durch die Abkürzung verpassen wir auch den dritten See, dafür ist dort, wo Garmine ganz eindeutig geradeaus will, ein Tümpel, der bei gpsies.com bzw. OSM nicht eingezeichnet war. Also schön crossig außen rum. Der Untergrund ist sehr anstrengend, Moos, Sand, Kiefernzapfen, und ich fange an, von schönem, glattem Asphalt zu fantasieren.

Ha, da ist ein See, der Große Karbuschsee (ist aber gar nicht groß) – der Weg streift ihn nur kurz und es geht zurück in die Kiefernhölle. Jetzt fehlt nur noch der Pätzer Hintersee, und eigentlich sind wir immer noch der Meinung, wir hätten den Weg so nah am See wie möglich gewählt. Nix is. Kiefern. Sandboden, und nochmal falsch abgebogen. Zurück in die Kiefern. Kann es sein, dass der Weg so weit vom See entfernt verläuft, dass wir nur ahnen können, dass er dort hinten irgendwo sein muss? Ja, das ist leider so. Es ist nicht schön, es ist sehr anstrengend, und: habe ich schon erwähnt, dass ich keinen Kiefernforst mag? Nach knapp 29 km erreichen wir den Dorfplatz von Pätz und Garmine verkündet zum zweiten Mal, wir hätten gewonnen. Schon kurz vorher sind wir uns einig, dass die gespeicherte Strecke auf gpsies.com dringend gelöscht werden muss – wir wollen schließlich nicht, dass andere Ahnungslose ebenfalls einen schönen Vier-Seenlauf versuchen.

Am Auto fallen wir über die Vorräte her: Butterbrezeln, ein mittelgroßes Sortiment an Fruchtriegeln und ganz viel Wasser. Uff – wollen wir noch baden? Ja, wir steuern noch die Badestelle an und schwimmen kurz das ganze Salz auf der Haut weg.

Fazit: auch wenn das nun nicht wirklich ein „schöner“ Lauf war, diese Marathonvorbereitung ist auf alle Fälle ein Abenteuer.

Advent, Advent

Schon seit Tagen, ach was, Wochen, freu ich mich drauf, ihn endlich auszupacken. Und schon den ganzen Tag kommt er mir vor, wie ein Geschenk, das auf mich wartet. Eine Schachtel, in der einzeln verpackte Süßigkeiten drin sind, oder ein Kasten mit leckeren Getränken, aus dem ich mir heute Abend eine Flasche öffnen könnte.

Oder – tja, vermutlich ist es das stimmigste Bild: ein Adventskalender, bei dem ich heute das erste Türchen aufmachen durfte. Was war drin? 9 km in 6:15 min/km. Das erste Training meines neuen Plans (Experten/-innen erkennen ihn sicher von weitem). Schön war’s! Und wenn ich alle Türchen aufgemacht habe, ist eben nicht Weihnachten, sondern… Aber das trau ich mich noch gar nicht recht hinzuschreiben, denn es kann ja noch sooo viel dazwischen kommen. Und dann hätte ich umsonst mit meinem tollen Plan angegeben.

Aber immerhin, das erste Türchen ist offen.

Gefahren lauern überall

Ptuj ist die älteste Stadt Sloweniens. Dort laufen die Menschen schon seit grauer Vorzeit, und das ist auch dringend notwendig, denn…. Seht selbst:

In der örtlichen Laufkultur ist das Traditionslokal Bistro Maraton ein fester Bestandteil.

Ptuj 1

Doch wenn man sich den Läufer, der scheinbar im Ziel begeistert die Arme hochreißt, genauer betrachtet, fällt auf, dass es sich ein wenig anders verhält.

Saurier beißt

 

Der Läufer ist keineswegs begeistert, er hat möglicherweise das Ziel noch gar nicht erreicht, sondern einer der fiesen in der Gegend leider weit verbreiteten Laufsaurier hat ihn erwischt und in den Fuß gebissen.

Saurier beißt Läufer

Weil diese Biester eine große Gefahr darstellen, hat die Stadtverwaltung Schilder aufstellen lassen, die den Zugang für Saurier verbieten. Aber leider halten sich die häufig nicht an das Verbot, so dass selbst im Stadtgebiet für Läufer große Gefahr droht, denn Laufsaurier schaffen erwiesenermaßen eine Pace von bis zu 3:30 min/km. Nur die besten Läufer entkommen.

Keine Saurier

Sie fallen übrigens nur Läufer an, langsam gehende Menschen nehmen sie als Beute gar nicht erst wahr. Und mit dieser Ausrede melde ich mich aus einem eher lauffaulen Urlaub zurück.

HM-PB, jetzt auch in der Liste

Am Dienstag gab es die letzten Intervalle – sauanstrengend, aber geschafft – wobei ich mir immer noch nicht vorstellen kann, dieses Tempo auf über 20km zu halten. Das kann doch gar nicht sein. Andererseits: darum heißt das doch Zielzeit, weil man theoretisch mit einem Plan ein bestimmtes Ziel erreichen können könnte. Aber nee, Zuversicht sieht anders aus.

Außerdem kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass es wirklich Spaß macht, über die Flughafenbaustelle zu rennen. Der weltbeste Hase hat es irgendwie mit Fliegern und Flughäfen, der hat mich auf der HM-Messe Anfang April ein bisschen überredet. Das war zwar ganz leicht, aber kurz vorher scheint mir die Strecke gar nicht mehr attraktiv. Soll mir aber andererseits egal sein, Ziel ist die Bestzeit zu unterbieten, da ist die Gegend doch zweitrangig. Das setzt mich aber albernerweise auch gehörig unter Druck: ich habe geradezu streberhaft trainiert, leide an keinerlei Zipperlein, es ist nicht heiß, es dürfte eigentlich nichts schief gehen… Waaaaah!!!

Der Hase setzt gnädigerweise die Zielzeit auf 1:55 fest. Ich stelle Garmine so ein, dass ich nur Zeit und Distanz ablesen kann, keine Pace, um bestenfalls unterwegs ein bisschen Kopfrechnen zu üben, die Pacekontrolle aber voll und ganz an den Hasen abzugeben. Das Einlaufen fällt eher schwer – was sollen die Beine gleich nochmal tun?

Im Startblock stehen wir in der Nähe des 1:55 Zugläufers, der Hase sinniert noch darüber, wo wir den, wenn alles gut geht, überholen werden (später war’s dann schon ungefähr bei KM 4), der Startschuss fällt, es geht los – und es geht leicht. Wow, dabei laufen wir erstmal fast drei Kilometer gegen den Wind (5bft, „frischer Wind“). Die Weite ist toll, da vorne laufen die ersten, sie haben schon die Kurve gekriegt und kommen auf der südlichen Landebahn wieder entgegen. Als auch wir dort ankommen, verleiht der Rückenwind beinahe Flügel. Super, wie leicht es läuft! Der Hase behauptet, das sei doch alles ganz entspannt. Meistens behauptet er genau das auf dem letzten Intervall, wenn ich nur noch keuche und nicht mehr widersprechen kann, aber im Moment stimmt es einfach. Es macht Spaß. Es macht sogar riesig großen Spaß! Die 10km-Läufer/-innen biegen ab, wir lassen uns weiter vom Wind schieben. Ich habe zwar wieder genug Luft zum Reden, halte mich aber halbwegs zurück.

Ziemlich genau an der 10km-Marke überschreite ich den 1000. Jahreskilometer, denke aber gar nicht dran. Viel interessanter ist die Zwischenzeit – weniger als eine Minute langsamer als die PB auf 10km. Cool. Leider ist damit die gemütliche Strecke vorbei und der Wind kommt mal von schräg vorne, mal genau von vorne oder schräg von der anderen Seite. Hui, das ist fies. Gelegentlich fürchte ich, gleich wie Tumbleweed über die Steppe geweht zu werden. Der Hase bietet mir seinen Windschatten an, das ist prima, aber ich muss mich erstmal reinfinden, denn seine Beine sind etwa anderthalb mal so lang wie meine. Nach einer Weile meint er, ich solle ihm nicht auf die Füße gucken. Hatte ich gar nicht, sondern erst auf die berühmten Stahlwaden, dann auf den Hintern. Ich kann nichts dafür, sonst hätte ich noch Nackenverspannung bekommen. Aber wenn ihn das stört, kann ich es ja mal mit den Schulterblättern versuchen. Was das Motivieren angeht, ist der Hase heute ganz groß – noch spricht er charmant davon, wie locker ich noch laufe (haha) und spart sich die Beißappelle für später auf. Wobei ich so langsam durchaus schon am Beißen bin.

Bei km 18 geht es nochmal 1,5km mit dem Wind, das ist die Rettung, dabei kann ich mich noch ein wenig erholen, bevor es dann auf die letzte Gegenwindpassage zum Zielbogen geht. Wir überholen viel mehr, als wir überholt werden, und einige andere Läufer versuchen, am Hasen dran zu bleiben. Solange mir niemand den Windschatten streitig macht, geht das in Ordnung. Inzwischen möchte ich nur noch, dass es aufhört, aber dann sagt der Hase, dass wir es noch in 1:49 schaffen könnten. Seltsam, eben wollte ich mich noch zu Boden werfen, aber irgendwo scheint es doch noch Reserven zu geben. Ich renne, was Lunge und Beine hergeben, drücke auf der Zielmatte die Uhr ab 1:49:06 – aber selbst die Bruttozeit ist noch nicht auf 1:50 umgesprungen! Wahnsinn! Wie kann das sein? Der Hase wirbelt mich durch die Luft, wir kreischen wie die Bekloppten, das gibt es doch gar nicht! Bestzeit. Und wie.

Und jetzt die kleinen Einschränkungen: Erstens glauben wir, dass die Strecke zu kurz war. Garmine geht sonst immer etwas vor, und dieses Mal hat sie nur 20,89km gemessen, die Garmine vom Hasen noch weniger. Egal: eine Bestzeit wäre es trotzdem geworden. Zweitens stehe ich nicht in der Ergebnisliste. Aber auch das ist egal, denn wie Gerald schon schrieb: gelaufen bin ich die Zeit, das kann mir keiner nehmen.

P.S.: Völlig unkompliziert schrieb mir heute eine freundliche Frau Kreißel von Berlin-läuft: „Das Problem mit ihrer verdrehten Chipnummer konnte behoben werden und sie finden sich jetzt in den Ergebnissen mit Zeit und Urkunde.“ Und als ich mich daraufhin bedankte, schrieb sie gleich nochmal: „Das habe ich sehr gern gemacht. Gratulation zur super Zeit.“ Toll, dass es bei Berlin-läuft so nette Leute gibt. Deshalb hier nochmal öffentlich: Vielen Dank fürs unbürokratische Ausbügeln meiner Schusseligkeit!