Langer, sonniger Sonntagslauf

Heute nur ein paar Bilder. Im Tiergarten traf ich auf diesen freundlichen Spaziergänger:
Schneemann

Ich glaube, diese Saison wurden die Laufschuhdesigner, was die Farben angeht, ganz besonders von diesem Haus inspiriert:
Bunte Häuser

Am Westhafen steht eine energische Aufforderung für aufgrund des verschneiten/vereisten Untergrunds schwächelnde Läuferinnen:
Trabet24

Sonntags auf dem Tempelhofer Feld

Der Plan sieht nur 14 km vor, die Sonne scheint. Für die urbane Läuferin, die sich im Vorfrühling ein Maximum an Sonneneinstrahlung bei einem Minimum an gefrorenem Wasser auf den Wegen erhofft, bietet sich da das Tempelhofer Feld an. Die Nachbarin, die ich im Treppenhaus treffe, findet es draußen sehr kalt, so dass ich schnell noch einmal umkehre und mir sicherheitshalber eine Mütze hole. Danke Frau Nachbarin, die war sehr nützlich!

Der Parkweg in der Mitte der Fontanepromenade ist noch schneebedeckt, das wird ja ein besonderes Laufvergnügen. Auch in der Hasenheide ist es nicht besser. Hubbeleis, im Schatten noch elend glatt, in der Sonne oben leicht angetaut, so dass sowas ähnliches wie Bodenhaftung möglich ist. Um wenigstens ein bisschen Steigung zu simulieren, nehme ich noch schnell die Rixdorfer Höhe mit. Hoch ist ok, runter extrem rutschig. Gut, das wäre also auch mal geübt.

Über den Eingang Oderstraße erreiche ich das Tempelhofer Feld und erblicke ein Ritterlager. Ich weiß ja, dass unser Hobby auch öfter mal als reichlich abwegig bestaunt wird, da sollte ich gestandenen Männern, die in Ritterkostümen mit Helm, Brustpanzer, Schild und Schwert lustige Übungen abhalten, aufgeschlossen gegenüber stehen. Es ist ja wohl einer der großen Vorteile der Großstadt: egal, wie ausgefallen die Vorlieben sind, es finden sich garantiert immer welche, die sie teilen. Die Ritter haben eine blaugelbe Standarte aufgepflanzt (so heißt das doch?) und sich in einem Quadrat von fünf Reihen mit je fünf Männern aufgestellt, man sagt wohl „in Reih‘ und Glied“. Der Oberritter hat den prächtigsten Umhang und brüllt die Unterritter gelegentlich an. Noch bewegen sie sich nicht, und ich hoffe ein bisschen, dass sie noch da sein werden und ein bisschen mehr Action bieten, wenn ich zurück komme.

Ich nehme den Weg außen rum gegen den Uhrzeigersinn. Die Sonne scheint, es ist warm, ich kann die Handschuhe ausziehen. Nur einen Moment brauche ich, um zu realisieren woran es liegt, dass die Entgegenkommenden einen ziemlich frösteligen Eindruck machen: der eisige Ostwind schiebt mich von hinten. Noch. Schon als er mich von der Seite trifft, ziehe ich die Handschuhe wieder an. Brrrr. Der südliche Rundweg ist stellenweise noch ziemlich verschneit bis verhubbeleist. Trotzdem kaum zu glauben, dass ich mich hier vor einer Woche noch im Schneesturm voran gekämpft habe. Ich werde von einigen Läuferinnen und Läufern überholt, aber da vor mir ist einer, der ist noch langsamer als ich. Komisch, vermutlich trainiert der ja auch langen langsamen Lauf, und ich brauche mir beileibe nichts darauf einzubilden, aber irgendwie macht überholen doch auch ein wenig Spaß.

Am östlichen Ende des Parks steht einer dieser fantastischen Toilettencontainer. Die sind wirklich wunderbar, immer in ziemlich gutem Zustand, es gibt Wasser aus dem Hahn und es ist nicht nötig ein 50-Cent-Stück für eine dieser sogenannten „City-Toiletten“ dabei zu haben oder in Lokalen betteln zu gehen. Nach einem kurzen Boxenstopp geht es mit dem Wind nach Westen. Ich laufe wieder mal auf dem weißen Strich in der Mitte der Startbahn – nur bei meinem heutigen Tempo will nicht so richtig das Gefühl aufkommen, ich könnte am Ende abheben.

Auf der nördlichen Landebahn bläst mir dann der Wind wieder kräftig entgegen. Es macht aber nichts, wenn ich noch langsamer werde, denn links gibt es wieder reichlich Unterhaltungsprogramm. Die Kitesurfer sind heute sehr aktiv, teilweise mit diesen Skateboards mit großen Rädern, teilweise auch noch mit Snowboards – wobei die Schneedecke schon ziemlich viele braune Flecken aufweist. Jemand hat mit einer Schablone auf den Asphalt ein ganz ordenliches blaues „Kite-Verbot auf der Landebahn“ gesprüht. Ich frage mich, ob das wohl eine bereits geltende Regelung oder eine Forderung ist. Die Form – ich meine gesprayt! – deutet schon auf eine etwas seltsame Mischung aus Spießigkeit und Spontitum hin. Aber ehrlich gesagt, habe ich mich auch schon manchmal gefürchtet, wenn weniger erfahrene Kiter etwas unberechenbare Manöver gefahren sind. Auf der Wiese sind sie mir irgendwie doch lieber.

Hurra, die Ritter sind noch da. Ich fühle mich sehr gut unterhalten, denn jetzt üben sie eine Art Schildkrötenpanzer: der Oberritter brüllt, die Unterritter klopfen mit ihren Schwertern gegen die Schilder, und auf ein zweites Kommando bilden sie einen Kreis und halten die Schilde nach außen. Sehr schön.

Ich drehe noch einen Viertelkreis, um den Ausgang am Columbiadamm in der Nähe der Lilienthalstraße zu nehmen. Ich komme an einem chinesisch anmutenden Pavillon vorbei, den ich noch nie wahrgenommen habe. Er gehört zum Berliner Shaolin-Tempel, und ein Hinweisschild verkündet, dass man hier kostenlos an Kampfkunstunterricht bei den Shaolin-Mönchen teilnehmen darf – oder durfte, die letzten Termine lagen schon vor dem Winter. Ob die das Programm wohl wieder aufnehmen? Denen würde ich auch gerne mal zusehen.

Der Heimweg durch die Lilienthal- und Körtestraße ist unspektakulär. Die Kreuzbergerinnen und Kreuzberger spazieren in Scharen, aber ich bin ja schon fertig und kann mich jetzt dem weiteren Sonntagsprogramm widmen.

Heimweg

Eine neue Lebenssituation erfordert gelegentlich etwas Kreativität bei der Planung des Alltags. Bei mir hat sich der Arbeitsweg von nicht der Rede werten 3 km auf 9 km verdreifacht. Ich wohne nicht mehr alleine, und meine Mitbewohnerinnen essen gerne zwischen 19:00 und 19:30 Uhr. Wo bringe ich da einen Lauf unter, wenn ich vor der Arbeit noch einen Termin mit meinem alten Hausverwalter habe? Noch früher aufstehen? Och nö, da probiere ich doch lieber mal etwas Neues aus: von der Arbeit nach Hause laufen.

Ausrüstung: kleiner Laufrucksack, in den neben Hausschlüssel, Geld und Fon hoffentlich noch ein kleiner Einkauf aus dem Supermarkt passt, denn ich habe versprochen zu kochen.

Los geht’s, umziehen, Büroklamotten im Büro lassen, Fahrrad bleibt stehen. Als ich vors Haus trete nieselt es. Macht nichts.

KM 1: Eher langweilig die schnurgerade Rudolstädter Straße entlang, unter der Autobahn durch. Immerhin kann ich mich über den Westwind freuen, der mich von hinten schiebt.

KM 2: Hier beginnt meine alte Volkspark-Hausstrecke am Fennsee entlang – erst links davon, dann über die Brücke auf die andere Seite, denn hier ist beleuchtet.

KM 3: Ab hier ist der Park stockfinster, ich laufe über die Fußgängerbrücke über die Bundesallee und frage mich, ob ich auf Straßen ausweichen soll. Och nö, in der Stadt ist es doch nie so richtig dunkel, das geht schon, also Parkweg. Platsch – das war eine unbeleuchtete Pfütze.

KM 4: OK, doch lieber die Freiherr-von-Stein-Straße nehmen und parallel zum Park bis Rathaus Schöneberg.

KM 5: Belziger Straße – eine nette Schöneberger Seitenstraße, aber im Dunkeln und bei Nieselregen wäre ein bisschen Sound auf den Ohren doch nicht verkehrt gewesen. Notiz an mich selbst: nächstes Mal Musik mitnehmen.

KM 6: Brücken, ich liebe Brücken – erst die Langenscheidt-Brücke, von hier hat man einen guten Blick aufs mit Lichtern geschmückte Gasometer. Genau – das, von wo die Jauch-Sendung ausgestrahlt wird. Dann die Monumentenbrücke mit Blick bis Potsdamer Platz und etwas weiter auf den Fernsehturm. Direkt an der Brücke, Ecke Bautzener Straße ist das Cielo di Berlino, wo ich meinen letzten Geburtstag gefeiert habe – der Name ist sehr treffend, denn der Berliner Himmel ist über der Monumentenbrücke besonders schön.

KM 7: Die Kreuzbergstraße führt unterhalb des Viktoriaparks entlang – wenn es abends wieder länger hell ist, kann ich durch den Park laufen. An der Straße befindet sich das Tomasa in der Villa Kreuzberg, wo seit einiger Zeit die Jogmap-Treffen vor dem Berliner Halbmarathon und dem Marathon stattfinden. Bald ist wieder Halbmarathon, da laufe ich zwar nicht mit, freu mich aber schon aufs Treffen.

KM 8: Die Bergmannstraße ist bunt und lebendig, so lebendig, dass ein bisschen Passantenslalom notwendig ist. Kaufe ich jetzt bei Kaiser’s in der Bergmannstraße oder bei Edeka am Südstern ein? Lieber bei Edeka, da muss ich den Kram nicht so weit tragen. Direkt vor mir bleiben drei junge Touristinnen abrupt stehen, so dass ich fast auf sie auflaufe. Sie finden irgendetwas „totally awesome“ – ich finde aber nicht heraus, was es war.

KM 9: Mitten drin ein kurzer Zwischenstop bei Edeka. Ich mache Gnocchi mit grünen und schwarzen Oliven in Parmesancreme und Salat. Ein bisschen knapp ist das doch mit dem kleinen Rucksack, die Sahne trage ich in der Hand. Ob sie bis zu Hause wohl schon zu Schlagsahne wird?

Nach ziemlich genau 9 km bin ich zu Hause. Experiment geglückt – im Sommer lässt sich das Ganze sicher noch mit der ein oder anderen Grünanlage aufpeppen, aber für einen vernieselten Januarlauf im Dunkeln bin ich sehr zufrieden.

Neues altes Laufrevier

Ein paar Stunden nach einem gemütlichen Frühstück breche ich zu einem Neujahrsläufchen auf. Vor der Haustür wende ich mich nach rechts – hier bin ich noch nie entlang gelaufen. Es geht Richtung Südstern und dort in den Nordwesteingang der Hasenheide. Das Wetter ist bedeckt, aber trocken, ein nicht unwesentlicher Teil der Kreuzberger Bevölkerung scheint sich auf Neujahrsspaziergang zu befinden. Ich trabe gemütlich durch mein altes Laufrevier und lasse die Gedanken schweifen – hier habe ich vor vier Jahren meine ersten Jogmap-Kilometer erlaufen. Hier und am Landwehrkanal. Nach dreieinhalb Jahren bin ich wieder da. Der Dezember war der stressigste seit ich mich erinnern kann – viel Arbeit auf Arbeit und viel Arbeit mit der neuen Wohnung. Am 22. bin ich umgezogen, da waren die Mitbewohnerinnen schon seit drei Tagen da.

Ich laufe rechts um den Hügel herum. Hat der eigentlich einen Namen? Hier kann ich demnächst schön hügelkreiseln üben. Schön, wieder hier zu wohnen. Am Südende verlasse ich den Park, quere den Columbiadamm und laufe an der Moschee und dem islamischen Friedhof vorbei zum Eingang des Tempelhofer Felds. Toll, das war damals noch nicht geöffnet, wunderbar, dass es jetzt zu meinem Laufrevier gehört. Ich denke an unser Weihnachtsessen am 24. – wir haben zwei Traditionen zusammen gelegt: um 16:00 Uhr war Familienweihnachten mit Liedersingen und Geschenken, gegen 19:00 Uhr kamen die anderen Gäste – die, die ich schon seit Jahren zu einem eher unweihnachtlichen chinesischen Feuertopf einlade. Großes Geschnippel, um 20:00 Uhr war alles fertig und der Tisch bog sich fast unter all den leckeren Sachen. 15 Personen kamen zusammen, es hätte aber auch nicht ein Stuhl mehr an den Tisch gepasst – und hinterher gestehen die große Mitbewohnerin und ich einander, dass wir ziemlich besorgt waren, ob das alles gut gehen kann. Es ging aber gut, die große Tischrunde hatte viel Spaß und das Essen war köstlich. Vollkommen egal, dass in allen anderen Räumen noch Umzugskisten standen.

Es ist windig, und es sind einige Kitesurfer unterwegs. Denen sehe ich gerne zu, wie sie sich auf ihren Skateboards ziehen lassen, um dann mit einem eleganten Luftsprung zu wenden. Auch auf Skateboards montierte Surfsegel sind unterwegs. Ich freu mich, dass es so gut läuft. Einen kurzen Moment denke ich darüber nach, was ich wohl in einen läuferischen Jahresrückblick schreiben würde, habe dann aber doch keine Lust dazu – dass der Berlin-Marathon geplatzt ist, war einfach doch zu enttäuschend, und danach lief auch nicht mehr gerade viel. Kein Motivationstief, sondern Wadenbein. Aber heute tut es überhaupt nicht mehr weh, also lieber über neue Pläne nachdenken. Oder darüber, wie das Einleben in der neuen WG sich anfühlt. Ich fühle mich schon richtig zu Hause, auch wenn wir noch lange nicht fertig eingerichtet sind. Zu Silvester hat die kleine Mitbewohnerin zwei Freundinnen eingeladen. Sie wurden von den Eltern gebracht, und wir wurden vor allem von dem einen Vater gründlich begutachtet, ob es wohl sicher ist, Töchterchen bei fremden Leuten Silvester feiern zu lassen. Letztendlich haben wir die Prüfung bestanden. Neben der großen Mitbewohnerin und den drei Teenies war Titouli da, es gab Raclette mit köstlichen Zutaten – ein ganz großer Pluspunkt meiner neuen Familie ist, dass sie unglaublich gerne und gut essen, das ist toll. Um Mitternacht waren wir draußen, haben einander und der Nachbarschaft ein glückliches neues Jahr gewünscht und auch ein bisschen Feuerwerk gezündet.

Nach einer großen Runde ums Tempelhofer Feld verlasse ich den Park an der Nordostseite, quere wieder den Columbiadamm und nehme den Rückweg wieder durch die Hasenheide. Auch ein schöner Park, ich mag die vielen alten Bäume. Der Durchgang durch den kleinen Zoo ist leider zu, da werde ich mich bei den Tieren ein andermal zurückmelden. Nach knapp 10 km bin ich wieder zu Hause. In der Küche steht Kaffee auf dem Tisch und es wird schon wieder gemütlich geplaudert, da trinke ich doch schnell noch vor dem Dehnen und Duschen ein Tässchen mit. 2013 wird schön.

Die andere Seite

oder: was die Supporterin beim Berlin-Marathon erlebt hat

Als der Wecker klingelt, sind unsere diesjährigen Läuferinnen und Läufer schon im Startblock oder kurz davor, vielleicht bei der Kleiderabgabe oder in der Dixieschlange. Zum Frühstück gibt es Marathonfernsehen – Startmusik, fünf Prominasen, die gemeinsam auf einen dicken Knopf drücken, der den Startschuss auslöst, aufsteigende Ballontrauben, Helikopterbilder vom Läuferstrom, wunderbar! Als die Spitzenläufer, noch umringt von ihren gestreiften Pacemakern den genau wie letztes Jahr im Sonnenlicht glitzernden Springbrunnen am Straußberger Platz umrunden, schalte ich aus und breche auf.

Mit dem Fahrrad durch eine Stadt zu flitzen, die für Autos heute beinahe unbenutzbar ist, macht großen Spaß. Als erstes parke ich bei Kilometer 22. Tinadoro mit Mann und Sohn (der gestern den Minimarathon in 18:13 Minuten gefinished hat, super!) kommen auch gerade, dann auch Titouli mit seinen Eltern, die zu Besuch in der Stadt sind. Nach ein paar vereinzelten Handbikern kommen auch schon die Spitzenläufer – wusch! – schon vorbei. Das Fachpublikum um mich herum ist überzeugt davon, dass sie für einen Weltrekord zu spät dran sind – hmmm, die haben wohl alle bis vor wenigen Minuten Fernsehen geguckt? Kaum später wird Jan Fitschen fast mehr gefeiert als die Spitzenläufer, noch etwas später kommen die ersten Frauen. Die Favoritin Kebede ist leicht an ihrer Puschelfrisur zu erkennen.

Als es auf der Strecke etwas voller wird, tut mir die Ordnerin ein bisschen leid, denn die Schöneberger Eltern scheinen größeren Wert darauf zu legen, dass ihre lieben Kleinen Spaß, als dass die Läufer ausreichend Platz haben. Immer wieder werden sie aufgefordert, ein bisschen zurück zu weichen, aber die Kinderlein stellen sich gleich wieder in den Weg um abgeklatscht zu werden, während die Eltern offensichtlich keine Lust haben einzuschreiten. Wobei die Läufer klasse sind, auch wenn sie einen Bogen laufen müssen, klatschen viele lachend die Kinderhände ab. Wir gehen dann aber lieber ein Stück weiter, wo es nicht so voll ist.

Tinadoro und Familie schauen sich jedes Jahr den Zieleinlauf der Schnellsten im TV an, au ja, super Idee – ich bin zwar ein wenig hin- und hergerissen, ob ich damit meine Supporterinnenpflicht vernachlässige, aber eigentlich müsste noch ein bisschen Zeit sein, bis „meine“ Läuferinnen kommen – und running_with_scissors muss ich sowieso schon verpasst haben. Wir schauen uns also die letzten acht Minuten der Männer im Fernsehen an. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Erstplatzierten ist unglaublich spannend. Der Moderator bekommt kaum noch Luft und ruft immer „Das gab es noch nie, so etwas gab es noch nie“. Mutai und Kimetto überqueren die Ziellinie mit einer Sekunde Abstand. Eigentlich würde ich die Frauen auch gerne sehen, aber als gewissenhafte Supporterin gehe ich lieber wieder runter an die Straße. Kaum habe ich wieder Stellung bezogen, kommt auch schon cocobolo vorbei, ich juble ihr zu und freu mich, dass sie mich sieht. Es ist nämlich ziemlich schwer, sich die ganze Zeit auf den Läuferstrom zu konzentrieren. Fünf Jogmapperinnen habe ich in der App als Favoritinnen eingetragen und gelegentlich versuche ich, die Anzeige zu aktualisieren, aber hinter den Namen steht nur N/A. Blöde App. Der Nächste, der vorbei kommt, ist Norvorrun, ich werde kurz geknuddelt, dann ist er schon wieder weg. Auch Zausel, , Charlotte_York, stachel und Inumi sehe ich (Reihenfolge kann falsch sein), freu mich drüber, umarme kurz, laufe ein paar Schritte mit und feuere sie an. Gut sehen sie aus!

Ehrlich gesagt, bin ich teilweise ein bisschen verblüfft, was für Leute da insgesamt so unterwegs sind: es gibt gar nicht wenige, die hier bereits gehen und nicht mehr richtig gut aussehen. Unsere Debütantinnen sind zwar nicht besonders schnell (nichts für ungut!), aber sie laufen wie die kleinen Uhrwerke. Toll – die waren offensichtlich alle im Training richtig fleißig, und jetzt zahlt es sich aus. Nachdem sie alle durch sind, schwinge ich mich wieder aufs Rad und fahre an den Fehrbelliner Platz. Letztes Jahr stand Titouli für mich am Preußenpark – da will ich nicht stehen, das wäre zu traurig – also lieber etwas weiter vorne am Hohenzollerndamm. Ich bin voll konzentriert, denn hier soll ich SWaBS ihre Cola reichen. Die App liefert jetzt Zwischenzeiten, aber ich kann vor lauter Konzentration auf die Vorbeilaufenden nicht ausrechnen, wann es soweit sein könnte. Ich traue mich auch kaum aufs Telefon zu schauen, denn sicher kommen sie genau dann… Neben mir stehen supportende Läufer, die teils fachsimpeln, teils sehr engagiert die Namen auf den Startnummern rufen, worüber sich die persönlich Angesprochenen alle freuen.

Da, hurra, zuerst kommt wieder Norvorrun, dem es an dieser Stelle aber nicht so gut geht. Dann erkenne ich SWaBS, so ein Glück, die aber gerade gar keine Cola möchte, weil sie mit ihrer Puste beschäftigt ist. Laufnad ist auch dabei. Dann kommt renbueh, die nimmt die für SWaBS bestimmte Cola gerne an – prima, doch für was gut. Kurz danach sehe ich einen Läufer am Rand von hinten heranflitzen, der alle anderen überholt – das ist Schalk, der fliegenden Support betreibt und mit seiner Geschwindigkeit die Marathonis auf der Strecke demoralisiert. Bevor er weiterdüst, erfahre ich, dass da gleich noch stachel und SpeedyBunny kommen, aber ich sehe nur stachel, die immer noch ganz gleichmäßig wie das kleine Uhrwerk läuft. Super.

Am Ku’damm quere ich die Strecke. Da das Läuferfeld sich schon ganz schön gelichtet hat, ist das nicht schwer. Am Potsdamer Platz stelle ich mich wie besprochen links von der Strecke auf. Das Supporter-Team für das gallische Dorf (habt Ihr auch Asterix, Obelix, Troubadix, einen Römer und Gutemiene gesehen?) hat leider ein riesiges Pappschild, das mir etwas die Sicht versperrt. Hier sehe ich nur Norvorrun, lonelysoul und renbueh – ich vergleiche die Zwischenzeiten auf der App, die gerade mal wieder gesendet hat, kann immer noch nicht rechnen und vermute ziemlich stark, dass ich alle anderen verpasst habe. Also gut, letzte Etappe.

Am Pariser Platz gibt es eine ganz faszinierende Fußgängerschleuse. Um die zu erklären bräuchte es eigentlich eine Zeichnung. Also: da stehen viele HelferInnen mit einem langen Seil und sperren die eine Hälfte der Strecke in einer langen Schräge ab, so dass die Marathonis auf der anderen Hälfte aufs Brandenburger Tor zu laufen. in der Zeit wird aus einer Umzäunung auf der abgesperrten Seite ein Schwung Leute in ein Gatter auf dem Mittelstreifen gelassen. Wenn das Gatter voll ist, bewegen sich die Leute mit dem Seil sachte, ohne die Heranlaufenden zu stören auf die andere Seite. Das Seil lenkt die Läufer jetzt auf der anderen Seite Richtung Tor, und wenn auf der gesperrten Seite niemand mehr kommt, leert sich das Gatter auf diese Seite. Danach wird es von derselben Seite – vom anderen Ende her, damit sich die Querenden nicht in die Quere kommen – wieder befüllt, und die mit dem Seil wechseln wieder die Seite. War das jetzt irgendwie verständlich? Egal, es war jedenfalls höchst beeindruckend.

Irgendwann bin ich durch, kann mein Rad durchs Tor und dann in den Familienzusammenführungsbereich schieben. Dort bin ich verständlicherweise eher unwillkommen, denn das Gedränge ist gigantisch und der Drahtesel nervt. Mist, ich hätte das Rad draußen parken sollen, aber wo nur, zwischen hier und Tor ist es doch nirgendwo besser? Ich reihe mich hinter einem Kinderwagen ein, der ist ein Stück breiter als ich und bahnt mir den Weg. Da ist das J – und da stehen auch die Jogmapper. Tja, und wie es dort zugegangen ist, war ja schon in vielen anderen Blogs zu lesen.

P.S.: Schalk sagt, dass supporten anstrengender sei als laufen – naja, beinahe. Es hat aber großen Spaß gemacht und mich beinahe damit versöhnt, dass ich nicht starten konnte.