Advent, Advent

Schon seit Tagen, ach was, Wochen, freu ich mich drauf, ihn endlich auszupacken. Und schon den ganzen Tag kommt er mir vor, wie ein Geschenk, das auf mich wartet. Eine Schachtel, in der einzeln verpackte Süßigkeiten drin sind, oder ein Kasten mit leckeren Getränken, aus dem ich mir heute Abend eine Flasche öffnen könnte.

Oder – tja, vermutlich ist es das stimmigste Bild: ein Adventskalender, bei dem ich heute das erste Türchen aufmachen durfte. Was war drin? 9 km in 6:15 min/km. Das erste Training meines neuen Plans (Experten/-innen erkennen ihn sicher von weitem). Schön war’s! Und wenn ich alle Türchen aufgemacht habe, ist eben nicht Weihnachten, sondern… Aber das trau ich mich noch gar nicht recht hinzuschreiben, denn es kann ja noch sooo viel dazwischen kommen. Und dann hätte ich umsonst mit meinem tollen Plan angegeben.

Aber immerhin, das erste Türchen ist offen.

Die Ente beißt nicht

Ich behaupte ja immer, ich kann gar nicht beißen – jedenfalls nicht so richtig, denn das, was Außenstehende manchmal für Beißen halten (den Berliner Hitze-HM z.B.), hat oft noch so viel mit Spaß zu tun, dass ich da noch gar nicht an die Grenzen gestoßen bin, wo wirklich Biss notwendig wäre. Ausnahmeansätze sind vielleicht Intervalle mit dem Hasen – aber da ist der Spaßfaktor auch ziemlich hoch.

Heute wäre ein Tempodauerlauf dran gewesen. 7 km in 5:30 min/km. Letzte Woche war der gleiche Lauf zwar nicht leicht, aber ich habe ihn ohne Probleme geschafft. Heute war der Wurm drin. Ich habe frei und bin zu spät aufgestanden, um noch vor dem Frühstück laufen zu gehen – mit knurrendem Magen einen Tempodauerlauf, nee, das ist nix für mich. Also erst frühstücken, dann zwei Stunden rumtrödeln. Dann ist es schon nach elf, die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, aber es ist eigentlich nicht zu heiß.

Schon auf den langsamen Einlaufkilometern überrascht mich der Puls – he, wo willst du hin, ich bin doch gar nicht so schnell? Gefühlt rennt der Puls schon mal voraus, ich schnaufe langsam hinterher. Nach drei Kilometern geht es einigermaßen, ich beschleunige auf Tempodauerlauf. Es soll ein paarmal um den Fennsee im Volkspark Wilmersdorf gehen. Die erste Runde geht so, aber irgendwie schwer, ich kann mir nicht vorstellen, das sieben Kilometer durchzuhalten. Ich bin ein wenig verstimmt, vermute, dass ich nach den wirklich anstrengenden Intervallen von Dienstag einfach noch nicht ausreichend erholt bin, und hadre mit diesem Umstand. It’s all mental, you know? Ich weiß, ich weiß, aber warum schnaufe ich dann wie die sprichwörtliche alte Lok? Wieso können andere sich dazu bringen, mit hochrotem Kopf und Schnappatmung ihre Läufe durchzubeißen? Mir sieht man kaum an, wenn es anstrengend wird – ich vermute ich habe meine Grenzen noch lange nicht kennen gelernt. Fast am Ende der zweiten Runde um den Fennsee habe ich erst 3,5 km „schnell“ und möchte mich am liebsten auf die nächste Bank oder gleich zu Boden werfen. Und dann passiert’s: ICH GEBE AUF.

Am hinteren Friedhofseingang halte ich die Uhr an und gehe erstmal zum nächsten Wasserhahn gleich hinter’m Zaun. Erstmal Wasser trinken und übern Kopf schütten. Ich breche auch das Training auf der Garmine ab und beschließe, den Lauf einfach locker zu Ende zu bringen. Aber von wegen locker. Der Puls kommt kaum runter. Andererseits ist das ja auch eine Idee: wenn schon nicht das Fahrgestell, dann macht wenigstens der Puls einen Tempodauerlauf, ist doch auch was. So phantasiere ich mir noch einen Trainingseffekt zusammen, wahrscheinlich komplett bescheuert. Tja, so war das heute. Was soll’s? Wenn der Plan nicht passt, muss ich mich schließlich nicht daran halten. Aber eine Frage kann ich mir immer noch nicht beantworten: war das jetzt Mangel an Biss oder noch halbwegs vernünftiges auf den eigenen Körper hören?

Und nö: ich erwarte gar nicht, dass das jemand anders für mich beantworten kann, aber ich wollte einfach mal erwähnen, dass es auch solche Tage gibt.

Sonntagslauf – Moabit ist eine Insel

Der Hase und ich wollen Moabit umrunden. Moabit ist nämlich eine Insel, wir wollen also immer am Wasser entlang einmal außen rum laufen. Dass das Bildchen was anderes zeigt, kam so:

Rund um Moabit

Um 1/2 10 holt er mich ab, geparkt wird etwas südlich des Brandenburger Tors, weil der Hase mir noch etwas zeigen will, das da im Tiergarten steht (ein Hollywoodschriftzug zu Ehren der Berlinale). Es regnet „mäßig“, wie wetter.com findet. Ich finde den Regen ausgesprochen nass, windig ist es außerdem, aber die Laune ist bestens.

Am Brandenburger Tor, dann vor dem Reichstag und am Humboldthafen vorbei, geht es ein Stückchen auf dem Mauerweg, dann immer auf der Weddinger Seite am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal entlang. Auf der Moabiter Seite gibt’s Industrieromantik und die Anlagen des Westhafens. An der Seestraßenbrücke fügen wir noch eine kleine Schleife einmal um den Plötzensee hinzu.

Spannend wird es, als uns nach Überqueren der Beusselstraße ein Verbotsschild das Weiterlaufen am Ufer verbieten will: „Betreten der Baustelle verboten“. Ich sehe keine Baustelle, der Hase findet, es müsse um die Baustelle der Autobahnauffahrt gehen. Wir diskutieren das aber nicht lange, sondern folgen dem Plan und dem Ufer. Da gibt es eine lange Anlegestelle für Lastkähne, wir laufen zwischen Kanal und Autobahn. Wind und Regen kommen genau von vorne, aber Hände und Füße sind noch warm. Ein wenig flau wird mir schon vom Thema, dass die Schiffer in dieser gottverlassenen Gegend ja nicht mal eben vom Kahn steigen und zum Bäcker gehen können. Als der Hase findet, dass uns ja mal einer zu Kaffee und einer heißen Wurst reinbitten könnte, knurrt mein Magen so laut, dass ich denke, der Hase müsste es eigentlich hören. In der Ferne ist eine Brücke zu sehen, die auf den ersten Blick aussieht, als würde sie Kanal und Autobahn und damit auch unseren Fußweg in einem eleganten Bogen überspannen. Beim Näherkommen entdecken wir zu unserer Erleichterung einen spiraligen Aufgang in der Mitte, wunderbar, der Kanal wird überquert.

Wir folgen dem Charlottenburger Verbindungskanal, der genau an der Stelle auf die Spree trifft, wo auch der Landwehrkanal dazu kommt. Eine richtige Wasserkreuzung, sehr schön. Leider versperrt eine blöde Strandbar den Durchgang zur nächsten Brücke. Zaun bis ans Wasser – Schweinerei. Ich schimpfe ein bisschen rum, dass ich dieses blöde Gartenlokal vielleicht gerne mal nach einem schönen Sommerläufchen besucht hätte, aber so, mit Wegabsperren, das geht ja gar nicht. Möge sie die Insolvenz dahinraffen.

Es geht also ein Stück zurück und auf der Straße zur Röntgenbrücke, dann südlich der Spree weiter zur Dovebrücke, schön den Spreebogen ausgelaufen ums Fraunhofer Institut herum und über die Gotzkowskybrücke. Ich habe Hunger und erwähne das auch so beiläufig. Der Hase hat beim Laufen nie Hunger, bietet mir aber an, einen Döner oder ein Frühlingsröllchen zu jagen. Ich lehne ab, wir laufen weiter. Ich merke, dass ich doch echt erledigt bin. Noch vor der nächsten Brücke bekomme ich fieses Seitenstechen – dabei soll das doch eher auftreten, wenn man vorher zu viel gegessen hat. Zuerst versuche ich es durch lustige Übungen wegzuturnen, laufe weiter, aber schon an der Hansabrücke ist wieder Schluss.

Kleinlaut mache ich den Vorschlag direkt durch den Tiergarten abzukürzen. So fieses Seitenstechen hatte ich noch nie. Wir gehen. Der Hase ist sehr geduldig und schlägt sogar vor, den Rest mit dem Taxi zu erledigen (wenn wir den Fahrer bitten, ganz langsam zu fahren, könnten wir es auf dem Satellitenbild noch als Endbeschleunigung ausgeben – schön, er bringt mich zum Lachen). Aber nix da, weiter geht’s. An der Fußgängerampel am Großen Stern fragt uns ein Läufer, ob wir erst anfangen oder schon fertig seien. „Fix und“ sage ich, das versteht er erstmal akkustisch nicht. Klinge ich schon so kläglich?

Nach einer kleinen Abkürzung querparkein trabe ich auf dem Parkweg doch wieder an. Dem besorgten Hasen erkläre ich meinen Interessenkonflikt: es ist zu kalt zum Gehen, auch wenn ich eigentlich zu fertig zum Laufen bin. Also mit unterirdischer Geschwindigkeit dahingeschlichen. Hoffentlich hat sich der Hase bei der Aktion nicht erkältet. Als wir endlich beim Hasenauto ankommen, bin ich sehr erleichtert. Der Hase beruhigt mich, dass es auch mal schlechte Tage geben dürfe. Ich weiß ja nicht. Schon – aber doch nicht so!

Eine Badewanne und ein Sofapäuschen später geht es mir wieder viel besser. Nun ja, es war ein eher geselliges Wochenende, ich hatte schon die zweite Nacht zu wenig geschlafen und war zu spät aufgestanden, um rechtzeitig vor dem Laufen mehr als ein winziges Häppchen zu frühstücken. Was lernt mir das? Vermutlich, dass ausreichender Nachtschlaf und anständiges Frühstück keinesfalls überschätzt werden.

Und hier die Zahlen: diese Woche bin ich 42,19 km gelaufen – wenn das kein gutes Omen ist. Die Gehpause musste ich ziemlich genau an der Stelle anfangen, wo ich unter glücklicheren Umständen meinen 3000. Jogmap-Kilometer hätte feiern können. Vielleicht hätte ich das stattdessen tun sollen. Der Lauf selber war 19km lang und dauerte 2 Stunden und 8 Minuten, wobei wir laut Auswertung etwa einen km gegangen sind.

Novembermittag

Heute habe ich die Maler, die den Wasserschaden an meiner Schlafzimmerdecke überpinseln sollen. Ehrlich gesagt, sie sind schon fertig, aber sie waren der Anlass, heute im Home Office zu bleiben. Zusätzlicher Hintergedanke: eine Mittagsrunde bei Tageslicht. Unglücklicherweise war heute früh die Heizung ausgefallen, so dass ich schon überlegte, doch noch ins Büro zu gehen. Da ich mangels heißem Wasser aber auch nicht geduscht war, habe ich den Gedanken gleich wieder verworfen. Um kurz nach zwölf regnet es mal nicht, und gerade, als ich meine Eiszapfenzehen in die Laufschuhe zwängen will, kündigt ein Gluckern die Rückkehr der Heizung an. Ein prüfender Griff an den Heizkörper bestätigt: jawoll, warm! Da kann ich ja beruhigt loslaufen.

Nach all dem Gerenne heute mal ganz gemütlich. Anfangs ist es kalt. Zu kalt. Es nieselt, aber ich beschließe, frühestens nach zwei Kilometern ein abschließendes Urteil über die gewählte Textilstärke zu fällen. Na bitte, allmählich tauen Hände und Füße auf, geht doch. Heute denke ich wahrscheinlich gar nichts, kann mich außer an ein paar Eindrücke jedenfalls an nichts erinnern: Da ist der tolle Blick vom Hohen Bogen: Funkturm und ICC zur Linken, Kraftwerk Wilmersdorf zur Rechten, unter mir rauscht der Verkehr auf der Autobahn. Dort fühle ich mich von großer Ingenieurskunst umgeben. Auf dem Weg durch den Park tragen kleine Gesprächsfetzen zu meiner Unterhaltung bei: ein Mann erklärt seiner Begleiterin, die er um einiges überragt, dass er den Schirm tragen müsse, sonst… da bin ich auch schon vorbei. Ein paar Schüler stehen um Parkbänke herum. Einer ruft Namen mit gekünstelter Lehrerinnenstimme auf, die anderen lachen. Ein Läufer, der mir zweimal entgegen kommt, schaut ständig auf ein halb aufgeweichtes DIN A4-Blatt, das er in der Hand hält. Ein Zeit- oder Stadtplan? Ich kann es im Vorbeilaufen nicht erkennen. Ein niedliches junges Hündchen heißt Antonella, hört aber nicht darauf. Das war’s schon, nach gemütlichen achteinhalb Kilometern bin ich wieder zu Hause, froh, mal wieder unter der Woche bei Tageslicht unterwegs gewesen zu sein, hungrig und sehr zufrieden, dass es wieder heißes Wasser gibt.

Laufen auf der Landebahn

Seit zwei Monaten ist das Tempelhofer Feld ein Park, aber bis aufs öffentliche WM-Gucken im Biergarten, ein Picknick und mal durchradeln habe ich ihn bisher noch nicht so richtig genutzt (doch, da war noch die Marathonstaffel letzten November, die viele von der Strecke her total öd fanden – ich nicht). Bis heute, da hat mich mein Kollege zu einem Abendläufchen abgeholt. Ich kann mir vorstellen, dass die Meinungen zum Laufen dort ziemlich geteilt sind: alles Asphalt, sehr windig, viel zu weit geradeaus. Stimmt ja auch, nur: ich finde es großartig. So viel Weite haben wir sonst nirgendwo in der Stadt.

Wir laufen erstmal eine Runde außen herum. Das ist überhaupt nicht langweilig. Wir unterhalten uns über die Plane Spotters, die hier früher jeden Morgen schon früh mit Teleobjektiven und Trittleitern außen am Zaun standen, wenn ich hinten den Weg an der Oderstraße zur Arbeit radelte. Wo die jetzt wohl Flugzeuge gucken? Der Kollege gesteht, nicht gerade ein Plane Spotter zu sein, sich aber schon für Flugzeuge zu interessieren. Nebenbei beobachten wir, wie andere Menschen auf dem Gelände ihre Freizeit verbringen: es sind viele Fahrräder und Skater unterwegs, manche lassen Drachen steigen, spielen Skate-Hockey, lassen Modellautos oder -flugzeuge auf dem Boden oder in der Luft rumflitzen, picknicken oder grillen. Läuferinnen und Läufer gibt es natürlich auch. Weil das Gelände so riesig ist, verteilen sich die Leute sehr angenehm. Noch schöner wird es sicher, wenn alles etwas mehr verwildert. Naja, und so richtig viel Schatten gibt es bisher auch noch nicht.

Aber egal, es ist schon einigermaßen spät, das Licht ist wunderbar, der Sonnenuntergang zwischen Wolken und Flughafengebäude stimmungsvoll, dann ist auch noch die schmale Mondsichel zu sehen. Nach Ende der Runde laufen wir auf der südlichen Startbahn nach Osten, anschließend auf der nördlichen nach Westen – je 2km geradeaus. Wir laufen nicht etwa nahe am Gras, sondern auf dem Mittelstreifen, wo noch der Gummiabrieb zahlloser bremsender Flugzeugreifen zu sehen ist. Wenn wir schneller wären, würden wir am Ende abheben, aber ehrlich gesagt, bin ich heute ziemlich langsam, und mein Kollege muss sich nach mir richten. Nach rund 10km sind wir wieder am südwestlichen Zugang angekommen, dehnen ein wenig und sind sehr zufrieden mit unserem neuen Park.