Laufen unterwegs – der Wiler Turm

Am Nebentisch im Hotelfrühstücksraum unterhalten sich zwei Anzüge. Der eine erklärt dem anderen wortreich, dass er eigentlich am Vorabend unbedingt laufen wollte, aber dann war das Wetter so schlecht, und als es um acht besser wurde, war er schon wieder umgezogen, und da konnte er sich dann doch nicht mehr überwinden. Das Wort innerer Schweinehund fällt, und ich kichere still in mich hinein, denn mein Wetter war ganz anders.

Es stimmt, am Vorabend um 18 Uhr war eine dunkle Wolkenwand genaht, es schüttete wie aus Kübeln, aber von Anfang an war im Nordwesten ein heller Streifen am Horizont zu erkennen, um 19:00 Uhr schien schon wieder die Sonne.

Als der Regen dünner wird, ziehe ich mich um, und als ich das Hotel verlasse, bewegen sich am Himmel zwar noch hochdramatische Wolkenformationen, aber sie bewegen sich weg, und die Sonne setzt sich durch. Wunderschönes Licht!

Aus selbstverschusselten Gründen (Rechner im Büro gelassen) habe ich keinen Track auf der Uhr, hoffe aber dennoch irgendwie den Wiler Turm zu finden. Am Weiher finde ich ein Schildchen mit der vielversprechenden Aufschrift „Rundweg“, auf dem der Turm abgebildet ist. Eine Gruppe kleiner Mädchen in weißen Gewändern und roten Kopftüchern gruppiert sich in immer neuen Zusammenstellungen vor der malerischen Kulisse von Weiher und darüber liegender Altstadt und wird von einer ganzen Schar Eltern tüchtig fotografiert und gefilmt.

Der Weg führt bergauf, erst auf der Straße, dann auf einem Fußweg zwischen ziemlich schicken Eigenheimen und schönen Gärten entlang, dann geht es aus dem Ort hinaus und steil bergan. Die Aussicht Richtung Westen ist wunderschön – aber gegen die Sonne gelingt mir kein Foto, das die Erhabenheit des Anblicks auch nur ansatzweise transportiert. Der Weg führt in den feucht duftenden Frühlingswald, immer bergan, aus dem Wald heraus, da ist auch schon der Turm zu sehen. Vor mir kreuzt ein Läufer den Weg, er ist ziemlich flott unterwegs, während ich schon wieder schnaufe wie eine kleine Lok.

Wiler Turm

Der Wiler Turm ist ein sehr schöner Holzbau, Balken wurden in der Mitte aufgespießt und dann jeweils um eine Balkendicke spiralig gedreht, so dass zwei Treppen für Auf- und für Abstieg entstehen. Da man zwischen den Stufen nicht durchgucken kann, ist der Turm bestimmt auch für Leute mit Höhenangst einigermaßen gut geeignet. Oben genieße ich erstmal eine Weile den Rundblick, bis mir kalt wird, und ich wieder absteige.
Wil vom Wiler Turm

Die dicht stehenden Häuser hinter dem Rapsfeld in der Bildmitte sind die malerische Altstadt von Wil, die auf einem Hügel liegt.

Der Weg nach unten führt mitten durch einen Bauernhof. Auf dem Hof stehen zwei kleine Kindertraktoren mit Anhänger, die genauso aussehen, wie große, das finde ich wirklich zauberhaft. Aus dem Stall an der Seite offenen Stall schauen Kühe heraus.

Kindertraktor auf dem Bauernhof

Am Kornhaus steht eine Informationstafel. Das Haus war einmal Kornspeicher, dann Unterkunft für napoleonische Soldaten, später Armenhaus, jetzt wird es offensichtlich von Familien bewohnt, denn im Eingang hängen bunte Briefkästen und es liegt Spielzeug herum. Der Eingang ist interesssant, denn hinter dem Tor führt eine offene Wendeltreppe um einen kleinen Lichtschacht herum nach oben. Im Garten blühen schon viele Blumen, es muss schön sein, hier zu wohnen.

Der Rundweg führt mich am Krebsbach entlang zum Weiher zurück – der Bach führt viel Wasser und macht ein ganz schönes Getöse für so ein Bächlein. Am Weiher sind die weißgewandeten Mädchen mit den roten Kopftüchern der Sonne gefolgt, sie werden immer noch fotografiert. Was die wohl feiern?

Weil das bisher kilometermäßig noch gar nicht so viel war, umrunde ich die Altstadt links herum und hänge noch einen Schlenker nach Süden an meine Runde dran. Am Ende waren es immer noch erst 6,6 km, aber das macht nichts, erlebt habe ich genug für zehn.

Neues Spielzeug – Teil 3: Navigieren

Sonntag, ich will mal wieder eine unbekannte Strecke laufen und vor allem das neue Spielzeug auf seine Navigationsfähigkeit testen. Dafür kann ich entweder direkt in Movescount eine Strecke zusammen klicken – funktionert super, man kann wie auf gpsies.com auf Wunsch auch Fußwegen folgen, das ist wirklich sehr komfortabel – oder, wenn es denn eine bereits existierende Strecke sein soll, von woanders in Movescount importieren. Dort kann ich ein Kästchen aktivieren, wenn die Strecke auf der Uhr angezeigt werden soll – wenn nicht, liegt die Route auf Vorrat rum.

Ich wähle eine Route immer an der Panke entlang – ab Buch bis zur Mündung ins Berliner Nordhafen-Vorbecken. Zugegebenermaßen ist die Panke vermutlich der langweiligste Fluss Berlin-Brandenburgs, wenn nicht der Welt. Mir ist jedenfalls kein anderer bekannt, der dermaßen windungsarm und kanalisiert daher kommt. Im Frühling ist das vielleicht ein bisschen egal, denn das frische Grün an den Ufern ist immer ein schöner Anblick, auch wenn es mehr oder weniger immer in südwestlicher Richtung geht.

Ich fahre also mit der S-Bahn nach Buch, verlasse den S-Bahnhof in südlicher Richtung und starte die Uhr. Das geht so: Start – Trainieren – Laufen (Brustgurt finden, bzw. ignorieren, da nicht dabei, GPS finden). Dann mit NEXT-Knopf Optionen aufrufen – NAVIGATION – ROUTEN – Route auswählen – A – Navigieren. Dann erscheint der kleine Pfeil und die Wurmnavigation. Mit dem VIEW-Knopf wechsle ich zwischen verschiedenen Zoom-Einstellungen, mit dem NEXT-Knopf zwischen Navigations- und Trainingsansicht. OK, scheint zu funktionieren.

Anzeige kurz vor der KurveIch laufe los, bis ich auf die Panke stoße. Ab hier folge ich dem Flusslauf. Man könnte meinen, dass dafür nun wirklich kein Navigationsspielzeug nötig wäre. Allerdings muss ich manchmal die Seite wechseln, und gelegentlich gibt es keinen Weg direkt am Ufer, so dass ich mich doch freue, immer zu sehen, wo ich hin kann. Zuerst finde ich es ein bisschen schade, dass ich nicht in so vielen Stufen zoomen kann wie bei meiner ollen Garmine (echt mal – die konnte wirklich ALLES, was ich wollte). Aber dann entdecke ich eine Funktion, die mir sehr gut gefällt: wenn es geradeaus geht, zeigt der Maßstab 500m an, wenn Kurven bevorstehen, wechselt die Uhr automatisch auf 100m, so dass immer ziemlich leicht zu erkennen ist, wo ich abbiegen muss. Das ist schick.

Zunächst einmal laufe ich direkt auf die Autobahn zu und frage mich, ob ich beim Streckenklicken etwas verwirrt war, denn es sieht erstmal nicht so aus, als ginge da ein Weg drüber oder drunter durch. Es ist dann auch kein richtiger Weg, aber der Panke-Tunnel hat an der Seite ein bisschen Fläche für Fußgänger, so richtig offiziell sieht das nicht aus, funktioniert aber. Lustig, dass die Autobahn genau an der Stelle ein Fenster in der Lärmschutzwand hat.
A10

Ein Stückchen weiter gerate ich in ein echtes Naherholungsgebiet: die Karower Teiche. Eine Karte zeigt, wo Aussichtsplattformen zum Vögelbeobachten aufgestellt wurden – den kleinen Umweg muss ich unbedingt machen. Es ist schön, bei frischen Frühlingsfarben und tollen Wolkenformationen aufs Wasser zu blicken, aber die spektakuläreren Vogelarten sind gerade – oder vielleicht noch – nicht da. Macht nichts, es gibt ein paar Enten, die sind auch nett.

Karower Teiche

Ich weiß nicht mehr genau, wo, aber ein Zufluss führt ziemlich schwarzes Wasser mit sich (es ist der Buchholzer Graben, wie ich später rausfinde). Das sieht aus wie am Zusammenfluss von Orinoko und Rio Caroni –  nur kleiner. So ganz ist das auf dem Foto nicht zu erkennen. In Echt finde ich es recht spektakulär und ziemlich eklig. Die Panke hat sowieso eine etwas komische Farbe, also schon vorher. Irgendwann später fällt das dann gar nicht mehr so richtig auf.

Schwarzer Pankezufluss

In Pankow führt die Strecke noch einmal zwischen Panke und ein paar schönen Teichen entlang, dann muss ich eine Zeitlang auf die Schlossallee ausweichen, weil es direkt am Fluss keinen Weg gibt. Die führt aber direkt in den Schlosspark, wo ich auch die Panke wieder treffe. Dieser Teil von Pankow ist Niederschönhausen.

Schlosspark

In Pankow quere ich noch den Bürgerpark, dann geht’s nach Gesundbrunnen – wobei ich immer dachte, das gehört zum Wedding, aber das hat sich bei der letzten Bezirksreform 2001 wieder ein bisschen geändert, jetzt gehören sowohl Gesundbrunnen als auch der Wedding zu Mitte. Hier zieht sich die Panke als sehr schmale Grünanlage mitten durch die Stadt. Kurz vor ihrem Ziel verschwindet die Panke im Gelände des Erika-Hess-Eisstadions, ich muss außen rum, aber gleich erscheint sie noch einmal und mündet mit einem kleinen Gefälle ins Nordhafen-Vorbecken.

Nordhafen-Vorbecken

Die Panke ist damit am Ende, ich aber noch nicht. Am Hauptbahnhof stelle ich fest, dass meine vermessene Strecke hier abbricht – was habe ich mir nur dabei gedacht? Eigentlich hätte ich jetzt genug, aber BVG ist auch nicht wirklich eine Option, also laufe ich noch durch den Tiergarten und auf so direktem Weg wie möglich nach Schöneberg. Das fällt jetzt nicht mehr unter unbekannte Strecke, da braucht mir die Uhr auch nicht mehr zu sagen, wo es lang geht.

Das war der erste Navigationsversuch mit der Ambit. Bin sehr zufrieden und freue mich auf Läufe in wirklich unbekannten Gegenden.

Neues Spielzeug – Suunto Ambit 3 Sport (Teil 1)

Garmine ist leider in die Jahre gekommen. Das ist ein bisschen traurig, denn so hässlich die alte Dame immer war, sie kann doch alles, was ich brauche – und mehr als viele der neuen schicken GPS-Uhren aller namhaften Hersteller. Sie hat vor anderthalb Jahren einen Herzschrittmacher in Form eines neuen Akkus bekommen und läuft seither auch wieder länger als ich. Leider lässt sie sich nur immer zögerlicher synchronisieren. Garmin Express funktioniert überhaupt nicht mehr, und mit meinem lokal installierten rubiTrack oder dem ollen Garmin TrainingCenter braucht es jedesmal mehrere Uhr- und Programmneustarts bis sie sich endlich Daten entlocken oder Strecken verabreichen lässt. Das nervt.

Irgendwann fällt die Entscheidung: eine Nachfolgerin muss her. Habe also das Internet und die Jogmap-Gemeinde befragt. Wie zu erwarten, kommt heraus, dass sowohl Garmin als auch Suunto Fans haben. In den Tests der in Frage kommenden Uhren wird meine Lieblingsfunktion (Strecken erstellen, auf die Uhr laden und ablaufen) seltsamerweise gar nicht erwähnt – weder im Laufuhrentest bei Runners‘ World noch bei diversen direkten Vergleichstests. Also munter nach Bauchgefühl gekauft (kann hoffentlich alles, was gewünscht ist, ruiniert mich nicht völlig und hat eine großartige Farbe), und das ist sie nun, die Neue:

Suunto Ambit 3

Frau Suunto aus der Familie Ambit 3 Sport – ich finde sie sehr schick, auch wenn sie an meinem Arm nicht gerade zierlich aussieht. Sie war gestern in der Post, jetzt gilt es, mich durch den Funktionsdschungel zu kämpfen. Erstmal mit dem USB-Kabel an den Rechner gehängt und geladen. Parallel dazu Moveslink installiert, ein Programm, dass die Uhr mit Movescount synchronisiert. Movescount ist die Plattform von Suunto, mit der die Uhr ausgewertet werden soll/muss. Das heißt so, weil bei Suunto jede Aktivität ein „Move“ ist. Wie ich inzwischen festgestellt habe, geht es leider nicht, die Daten aus der Uhr direkt in rubiTrack zu importieren, sie werden nur über die Website synchronisiert. Bin noch nicht sicher, wie ich das finden soll.

Auf Movescount braucht es erst einmal ein Konto, das kann privat, halbprivat oder öffentlich sein – meins ist privat. Dann kann man die Uhr als Ausrüstung hinzufügen und praktischerweise viele Einstellungen auf der Website vornehmen und anschließend per USB auf die Uhr schubsen.

Die Einstellungen für die die verschiedenen Sportmodi sind zwar unglaublich vielseitig und detailliert, aber irgendwie auch ganz schön überladen und unübersichtlich, da muss ich noch experimentieren, was ich wirklich sehen will. Es ist aber nicht wirklich schwer, mich zurecht zu finden. Ich klicke mich munter durch die Menüs und Einstellungen und freue mich, dass ich die Uhr einfach abmachen und erneut anschließen muss, und schon werden alle Optionen automatisch übertragen. Cool.

Erster Dämpfer meiner Begeisterung: Intervalle. Nicht was Ihr denkt (das mache ich sicher auch bald mal wieder), sondern ganz simple für die Betriebssportlaufgruppe. Die EinsteigerInnen sind inzwischen bei 4 x 5 Minuten Laufen, 3 Minuten Gehen angelangt, da muss die Uhr auch fiepen. Erstmal finde ich nichts.

Die Ergebnisse meiner ersten Google-Suche sind reichlich ernüchternd: Auf Movescount gibt unter „Sportmodi“ es zwar sowas wie einen Intervallmodus, aber ohne Ein- und Auslaufen und nur simpler Wechsel zwischen hoher und niedriger Belastung sowie der Anzahl der Wiederholungen. Die Einstellung erscheint dann als eigener Sportmodus. Das gefällt mir nicht, außerdem mache ich vermutlich beim Testen etwas falsch: es zeigt nur an, fiept aber nicht.

Als nächstes finde ich einen Intervallgenerator, der Code erzeugt, den eine dann per Copy & Paste in Movescount als sogenannte App einfügen kann (ehrlich gesagt, steht da oben drüber ein Satz „Update“, der mich sofort auf die richtige Spur hätte bringen müssen – keine Ahnung, weshalb der mir beim ersten Lesen entgangen ist, aber Blödheit vor dem Rechner gehört halt dazu). Ich bin schockiert. Es ist zwar genial, dass da einer drauf gekommen ist, aber hallo, ich will doch auf meine alten Tage nicht Programmiererin werden! Eine Weile frage ich mich, wie oft ich eigentlich Intervalle trainiere – aber das ist die falsche Frage, schließlich WILL ich ja wieder mehr fürs Tempo tun. Kann es wirklich sein, dass die schöne blaue Uhr so etwas Simples nicht kann?

Anstatt aufzugeben und die Uhr zurück zu schicken, lieber Google nochmal auf Englisch befragt. Und eine Lösung gefunden: die Movescount App! Es gibt eine App fürs Smartphone, die direkt über Bluetooth mit der Uhr kommuniziert. Auf der App kann ich sogenannte Workouts zusammenstellen und die dann auf die Uhr laden. Die dürfen wieder so komplex sein, wie sie wollen, also unterschiedlich lange oder intensive Intervalle und Wiederholungen, nach Zeit, Strecke, Herzfrequenz, Belastung und was weiß ich noch alles. Erstmal bastle ich „LG 4 x 5“ aus „Aufwärmen bis ich Lap drücke, dann 4 Wiederholungen von je 5 Minuten Laufen und 3 Minuten Gehen, dann Abwärmen, bis ich Stop drücke“. Als ich erst einmal kapiert habe, dass ich für die Anzahl und Einheiten nicht auf die Zahlen tippen darf, sondern mit dem Finger hoch- oder runterwischen muss, ist es einfacher als im ollen Trainingscenter oder auf Garmin-Connect. Die Synchronisation mit der Uhr klappt prima.

intervall

Jetzt ist die Herausforderung, den Workout auf der Uhr wieder zur Anzeige zu bringen:

  • START/STOP drücken, (mit hoch/runter) TRAINIEREN wählen, dann NEXT drücken.
  • LAUFEN wählen, NEXT drücken.
  • HF-Gurt suchen lassen oder (mit START/STOP) SPÄTER drücken.
  • GPS suchen oder SPÄTER drücken.
  • NEXT so lange gedrückt halten, bis OPTIONEN erscheinen.
  • WORKOUT wählen, NEXT drücken.
  • Den gewünschten Workout wählen, NEXT drücken.
  • START drücken.

Das sind ganz schön viele Knopfdrucke, aber vermutlich gewöhne ich mich dran (oder ich merke es mir, weil ich es aufgeschrieben habe). Egal, funktioniert erstmal.

Im Einsatz hat es dann auch funktioniert. Allerdings ist das Fiepen ziemlich leise, wenn ich mich nebenbei unterhalte, ist es leicht zu überhören. Aber wer hat während Intervallen schon Luft zu plaudern?

Fortsetzung folgt.

Vo dr Alb ra*

Besuch bei den Eltern. Hier in der Gegend stehen überall Höhenmeter herum, aber um die Bilanz ein wenig zu schönen, frage ich meinen Vater, ob er mich vielleicht ein Stück zu einem geeigneten Startpunkt fahren könnte. Klar, sagt der. Super. Ich klickere mir eine Strecke bei gpsies.com zusammen: Start ist der Wanderparkplatz in Hülben auf der Schwäbischen Alb, von dort geht es mehr oder weniger an der Albkante und diversen Aussichtspunkten entlang, parallel zum Ermstal über Hörnle und Jusi zurück nach Riederich. Es sollen 18 km „langsamer Dauerlauf“ werden. Langsam? Garantiert, denn es sind zwar 395 Meter Höhendifferenz zu meinen Gunsten, aber dafür geht es insgesamt 343m hoch und 684m runter.

Nachdem wir uns auf einen Wanderparkplatz geeinigt haben (nein, nicht der am Segelflugplatz, der auf der anderen Seite, wenn man von Urach hochkommt), werde ich ausgesetzt und darf mich alleine nach Hause durchschlagen. Erst folge ich einem asphaltierten Weg, dann führt ein schmaler Weg schön oben an der Kante entlang durch Buchenwald, links geht es abwärts, an manchen Stellen polstert Buchenlaub den Weg. Das ist ein schönes Laufgefühl.

Buchenwald an der Albkante

Der erste tolle Aussichtspunkt heißt Buckleter Kapf, der Blick öffnet sich über das ganze Ermstal. Der nächstgelegene Ort ist Dettingen, dahinter Metzingen. Das in der Bildmitte ist der Metzinger Weinberg, der mir neulich noch hoch und steil vorkam. Irgendwie ist halt alles relativ.

Ermstalblick

Von hier aus geht es um ein Seitental, am Segelflugplatz vorbei über Seizenfels und Deckelesfels. Es läuft sich ganz wunderbar. Dann verpasse ich eine Abzweigung, die mich sanft ins Tal hinunter geführt hätte, stehe plötzlich an der Karlslinde auf dem Kienbein (hier gibt es einen Verteidigungswall aus der späten Eisenzeit). Die Aussicht ist wieder toll, dafür muss ich jetzt auf einem steilen Serpentinenpfad abwärts. Am Schillingskreuz ist tatsächlich eine Kreuzung, wo Wege nach Dettingen, Neuffen oder eben hoch aufs Hörnle führen. Das Kreuz ist ein Gedenkstein für einen Herrn von Schilling der auf der Bärenjagd verunglückte und an dieser Stelle starb. Danach geht es zuerst steil, dann wellig, dann nochmal ziemlich steil bergan. Nach rechts ist der Blick zum Hohen Neuffen sehr schön.

hohenneuffen

Das ist für die Flachländerin alles recht strapaziös, und so mache ich gelegentlich Foto- und Gehpausen, und irgendwann, als ein Vogel ganz wunderbar zwitschert, fällt mir wieder ein, dass ich diese App auf dem Telefon habe, Zwitschomat, das ist eine Art Vogelstimmen-Shazam. Die muss ich endlich ausprobieren. Da der Vogel freundlicherweise immer weiter fiept, gelingt es, den Gesang aufzunehmen. Die App denkt ein bisschen nach und liefert mir dann die Singdrossel. Großartig!

Das letzte Stück ist ziemlich steil. Ich höre wieder eine Vogelstimme – klingt nach Raubvogel. Aber bevor ich wieder das Handy aus dem Gürtel fummeln kann, sehe ich, dass da ein Mann auf einer Pfeife bläst. Ich sage ihm, dass ich ihn fast für einen Vogel gehalten hätte, da erklärt er mir, dass er so die Bussarde anlocken will. Die kämen dann angeflogen und versuchten, den Eindringling aus ihrem Revier zu verjagen.

An der Steigung finde ich den Buchenlaubteppich nicht mehr so toll, denn er ist dick und drunter sind Matsch und Steine, ich rutsche öfter mal rückwärts und fühle mich irgendwie instabil. Also gehen. Macht auch nichts, das soll ein langsamer Dauerlauf sein, da muss der Puls ja nicht die ganze Zeit unter der Schädeldecke pochen. Irgendwann ist der Aufstieg geschafft, oben auf dem Hörnle (707m) steht eine Infotafel, auf der beschrieben ist, dass das Hörnle fast nicht mehr da wäre. Auf der Neuffener Seite ist nämlich ein Steinbruch, und in den 50er Jahren gab es Pläne, den ganzen Berg abzutragen. Der Albverein agitierte tüchtig für den Erhalt der Natur, während das Zementwerk mit Arbeitsplätzen argumentierte. Eine Bürgerbefragung rettete 1956 den Berg.

Es geht wieder abwärts, sehr steil, steinig, matschig und buchenbelaubt, bevor die letzte größere Steigung auf den Jusi führt. Vom Weg aus sieht man noch den Steinbruch am Hörnle der seit den 70er Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Hier ist jetzt ein Naturschutzgebiet, über das eine weitere Infotafel informiert (jaha, ich nutze jede Gelegenheit, mich zu bilden kleine Pausen zu machen).

hoernle

Vom Aussichtspunkt auf dem Jusi sehe ich Riederich – da muss ich hin – das sind jetzt noch sieben Kilometer. Es fängt an zu tröpfeln, als ich Kohlberg hinter mir lasse regnet es gleichmäßig. Noch ein Wald, noch eine Steigung, aber den Gipfel des Florian lasse ich aus – da war ich schon am Donnerstag oben. So langsam schwächle ich wirklich – der von Waldarbeiten zerpflügte Forstweg erfordert so viel Konzentration, dass ich kaum merke, dass der Regen wieder aufhört. Der Weg wird flacher, dann geht es aus dem Wald heraus, den Fuß- und Radweg am Schäferhof vorbei, nach dem Ortseingangsschild unter der Bahn durch, einen letzten kleinen Buckel hoch – geschafft. Schön war’s!

* Übersetzungsservice: „Von der Alb herunter“ – den alten Witz von den drei Geißeln der Menschheit lasse ich jetzt einfach mal weg.

Sonntagslauf – drei Parks und ein Café

In der U4 fragt ein Mann mich nach dem Weg zum Treptower Park – er denkt, ich wolle vielleicht dort laufen – ist aber nicht so, wobei ich das auch mal ausprobieren könnte. Es ergibt sich ein interessantes Gespräch. Er kommt aus Indien, ist früher mal gelaufen und hat Cricket gespielt („In India, we have a game called Cricket“ – ich sage nicht, dass ich das weiß, das hätte nur das Gespräch ins Stocken gebracht), dann musste er aber ordentlich studieren und hat den Sport aufgegeben. Jetzt sieht er immer Leute durch die Parks laufen und denkt sich, dass er das auch mal wieder anfangen sollte, es fehle aber der letzte Impuls. Er meint, er würde sich eine Laufgruppe suchen wollen, ich versichere, das sei eine hervorragende Idee. Zu Hause hat er ein College gegründet, um junge Frauen in technischen Fächern auszubilden, vor allem IT-Dinge. Er scherzt, dass er ein „developer of developers“ sei. Deswegen sei er von der Humboldt-Universität eingeladen worden. Ich finde das alles sehr interessant. Am S-Bahnhof Tempelhof verabschiede ich mich und laufe aufs Tempelhofer Feld.

Erstmal eine Runde außen rum. Zwei ehemalige Kolleginnen kommen mir entgegenspaziert. Ich winke freundlich, habe aber keine Lust stehen zu bleiben, um ein Schwätzchen zu halten. Es sind viele Leute in Laufschuhen, auf Inlinern oder Rennrädern unterwegs. Die in Laufschuhen sind heute alle schneller als ich, aber es soll ja auch „Langsamer Dauerlauf“ sein. Ich nehme den Ausgang Oderstraße und laufe Richtung Hasenheide. Hier war ich lange nicht, es ist aber wie immer: es wird spaziert oder gelaufen, die Dealer stehen an verschiedenen Ecken rum, machen aber keine Kaltakquise – jedenfalls nicht bei Läuferinnen. Das eine Kamel im Tiergehege sieht schrecklich zerrupft aus, hoffentlich hat es nicht aus Versehen das Winterfell zu früh abgeworfen. Die Rixdorfer Höhe kommt mir ganz schön steil vor, aber ich laufe schnaufend hoch. Auf der anderen Seite wieder runter, über den Columbiadamm, an der Moschee vorbei und wieder aufs Tempelhofer Feld. Ich laufe die durch die Hasenheide unterbrochene Runde weiter und begegne zum zweiten Mal den Exkolleginnen – die müssen mich für noch viel langsamer halten, als ich tatsächlich bin. Wieder winken wir uns gegenseitig zu, die eine versucht ein anerkennendes Nicken.

Ich wähle den Ausgang Paradestraße und laufe durchs Fliegerviertel. Kurz vor dem Bahnhof Südkreuz gibt es ein Gewerbegebiet mit schönen alten Ziegelbauten, das ist zwar ummauert, aber es ist möglich, kreuz und quer durch die Privatstraßen zu laufen und an der anderen Seite auch wieder herauszukommen. Dort quere ich die Bahngleise auf dem Alfred-Lion-Steg und nehme dann den neuen Fuß- und Radweg nach Norden Richtung Gleisdreieck-Park. Den betrete ich über den Parkplatz des großen Baumarkts an der Yorckstraße, drehe noch eine kleine Schleife über die Fußgängerbrücke am Sonnendeck, kehre auf die Yorckstraße zurück und laufe nach Westen, unter dem Sozialpalast hindurch bis zur Kyffhäuser Straße, dort nach links bis zum Mattea B. Das ist das Lieblingscafé, wo sie einen sensationell leckeren Kuchen backen – heute neu und sehr empfehlenswert: Aprikosenkuchen, von dem der Kellner behauptet, der sei so fluffig, dass man das Riesenstück praktisch völlig unbemerkt inhalieren könne.