Laufen auf Reisen – Albkante

Im Urlaub ist das Timing manchmal gar nicht so einfach, das Frühstück mit Vater, der diese Woche nicht so ganz lange langsame Lauf und die Nachmittagsverabredung mit der alten Freundin müssen unter einen Hut passen. Vorher noch schnell eine 15km-Strecke auf gpsies.com zusammen geklickt und auf die Garmine geladen (ich liebe diese Funktion!), Käppi auf, denn es ist um zehn schon ganz schön warm, und los geht’s. „Laufen auf Reisen – Albkante“ weiterlesen

Laufen auf Reisen – Nordhessen

Damit die Etappen auf der Reise in den Wilden Süden nicht so lang sind, unterbrechen wir die Fahrt in Bad Wildungen (die kleine Mitbewohnerin blödelte vorher dauernd rum, dass es Titouli und mir womöglich helfen könne, nach Bad Bildung zu fahren). Der erste Eindruck beim Gang durch die Altstadt mit ihren schiefen, hübsch renovierten Fachwerkhäusern: malerisch, sehr malerisch. In einem ruhigen Café hinter der Kirche befragen wir erstmal das Internet nach einer Unterkunft (früher sind wir immer einfach losgezogen und haben direkt gefragt, ob was frei ist). Als die bezogen ist, werfe ich mich gleich in Laufsachen, wer weiß, wie lange die Gastronomie hier Abendessen serviert.

Ich laufe stadtauswärts auf den Homberg zu. Bereits im Kurpark fällt mir auf, dass ich vergessen habe, vorher noch einen Schluck Wasser zu trinken. Das macht in einem hessischen Kurort aber nichts, denn ganz zufällig komme ich an einem Gebäude vorbei, an dem vorne ein kleines Becken mit zwei Wasserauslässen angebracht ist. Auf Knopfdruck soll hier „Waldquelle“ oder wahlweise „Georg-Viktor-Quelle“ sprudeln. Infotafeln erklären, was im Wasser drin ist, und wogegen es hilft. Nur „Waldquelle“ funktioniert. Das Wasser ist ein bisschen sauer und sprudelig, schmeckt sehr gut. Weiter geht’s. An fast jedem Laternenmast hängen kleine Schilder von Lauf- und Wanderwegen, Laufroute 2, 5, 8, Wanderweg 1, 5, 6, Nordic Walking Strecke 36, 37, 38. Wenn ich jetzt noch wüsste, wie lange die sind und wo sie hinführen, könnte ich mich vielleicht entscheiden. Muss ich aber gar nicht. Der Weg führt in den Wald hinein, es riecht gut, die Vögel singen, Laufen macht Spaß. An der Reinhardshöhe zeigt der Laufwegweiser geradeaus, um den Berg herum. Och nö, wenn ich schonmal eine Anhöhe zur Hand habe, gehts da auch rauf. Am Anfang geht das noch leicht. Ich schnaufe zwar, trabe aber langsam und stetig bergan. Na bitte, ist doch gar nicht so schlimm. Nach einer Weile fürchte ich, mit dem Geschnaufe die Waldtiere zu erschrecken, dann lässt der Wille nach, unbedingt bis oben durchzulaufen, dann die Motivation, es aber mindestens bis zur nächsten Wegbiegung zu schaffen. Erwähnte ich schonmal, dass es bei mir mit dem Beißen nicht sonderlich weit her ist? Egal, eigentlich ist Regenerationswoche, dann gehe ich eben bis zur Biegung. Das aber zügig, jawoll. Hinter der Biegung steht eine Aussichtsbank. Die Aussicht funktioniert aber nur im Winter, wenn keine Blätter da sind. Na gut, dann eben nicht Aussicht, sondern antraben. Neben dem Weg wächst hoher lila Fingerhut. Man könnte alle Finger beider Hände in die üppigen Blüten stecken. Wäre das schon giftig? Nicht, dass ich es tun wollte. Nach einigen weiteren Kurven bin ich oben. Auf dem Homberg, 518m, seit 1882 mit einem Aussichtsturm versehen. Da muss ich auch noch rauf. Schnaufend komme ich oben an. Ein Fotograf steht auf der Plattform und findet die Sicht nicht gut genug. Vielleicht nicht zum Fotografieren, zum Schauen ist es ganz wunderbar. Vor uns Bad Wildungen, die kreisrunde Altstadt ist gut zu erkennen, drum herum Wälder und Hügel, das da im Norden muss der Kellerwald sein.

Nach einer kurzen Pause steige ich ab und trabe wieder an. So, es geht abwärts. Auch das bin ich nicht gewohnt, und versuche mich zu erinnern, was ich übers Bergablaufen gehört habe. Hüfte vor, die Füße nicht vor dem Körperschwerpunkt aufsetzen? „Rollen lassen“ schreiben die bei Jogmap immer. Nicht zu doll bremsen. Geht das? Volle Konzentration! Es geht, es macht Spaß. Ein Wegweiser zeigt zur Frühstücksbuche. Weshalb die wohl so heißt? Ob sie unter all den Buchen hier wohl überhaupt zu erkennen ist? Ist sie, es hängt eine Tafel dran. Sie ist auch ziemlich groß und formschön. Zum Frühstücken steht eine Bank drunter. Der Radler, der drauf sitzt, hat aber keinen Proviant bei sich. Er grüßt freundlich, ich grüße zurück, und schon bin ich vorbei gerollt. Am Weg steht ein geschnitzter Storch, dem jemand ein rotweiß gepunktetes Halstuch umgebunden hat. Nach einigen Kurven höre ich das ploppende Geräusch von Tennisbällen auf Sandplatz, und da ist der Wald auch schon zu Ende. Ein Fußweg führt am Bornebach entlang durch den Kurpark Richtung Stadt. Da stehen weiße Holzliegen auf Beinen aus dicken Stahlfedern, wie sie die Wackeltiere auf Kinderspielplätzen haben. Die geben dem Wort Federbett eine ganz neue Bedeutung. Neben einer Bank steht ein gebogenes dickes Edelstahlrohr mit einem waagerechten Trichter am oberen Ende. Ich frage die älteren Frauen auf der Bank, was das ist. „Da können Sie hineinsprechen“ sagt die eine. Ich halte an, sage „Hu“ in den Trichter und höre ein Echo. „Das ist ein Echo“, sagt die andere. „Dass Sie dafür Zeit haben“, sagt die erste. Ich muss lachen. „Ich habe Urlaub“, sage ich, sie absichtlich missverstehend, und trabe wieder an. Der Trichter gehört zu einem „Garten der Sinne“, dessen weitere Stationen ich aber links liegen lasse. Bei der nächsten Gelegenheit nehme ich den barrierefreien Serpentinenweg (gerade durch gäbe es auch eine Treppe) aus dem Tal nach oben Richtung Brunnenallee, da bin ich auch schon am Ziel.

Dicker Hund

Ich sitze am Rechner und tippe mit einer Hand, weil ich mir mit der anderen ein Coolpack ans Kinn halte. Dazu kam es so: dritte Woche Trainingsplan, so langsam muss da mal wieder etwas Zug in die Sache kommen. Mit leichtem Bedauern verabschiede ich mich von den Freundinnen, die noch weiter durch 48 Stunden Neukölln bummeln wollen. Wir haben spannende, lustige und interessante Orte und Kunstprojekte gesehen, aber wenn ich schon in Woche drei anfange rumzuschluffen, wird das nix mit dem Marathon. Also fix nach Hause geradelt, nur ganz kurz mit den Katzen gespielt und dann ab in die Laufsachen.

Heute sind 15 langsame Kilometer dran, die laufe ich am Kanal, ab dem Badeschiff (von wo gerade immer WM-Club gesendet wird) die Spree entlang in den Plänterwald. Dort wird sonntags tüchtig spaziert, es sind auch viele Läuferinnen und Läufer unterwegs, die meisten überholen mich, denn wie gesagt: ich soll langsam, und als kleine Planfetischistin tue ich das dann auch. Der Lauf ist recht unspektakulär, nur auf dem Rückweg biege ich in einen mir unbekannten Asphaltweg ein, der leider in einem eingezäunten Grundstück endet. Das Tor steht offen, ich hoffe immer noch auf einen Ausgang, stehe aber plötzlich an der Kreuzung zweier S-Bahn-Gleise. OK, das war falsch. Habe immer noch keine Lust, den ganzen Weg zurück zu laufen und versuche mein Glück über ein anderes eingezäuntes Grundstück, auf dem zwei große Bagger schon ordentlich Dreck umgeschichtet haben. Am Bauzaun vorne an der Kiefholzstraße ist ein kleines Lager mit ein paar Decken, vollen Plastiktüten und einem Einkaufswagen – hier wohnt wohl eine obdachlose Person, die aber nicht da ist. Glücklicherweise ist der Zaun nicht besonders dicht, da pass ich schon durch. Der Rückweg führt mich wieder an den Landwehrkanal zurück, das ist praktisch Hausrunde, da wird es wieder ganz unspannend.

Bis plötzlich zwei große Hunde entgegenkommen, die sich gegenseitig spielerisch jagen. Sie sind gut kniehoch, haben dicke Köpfe und einen beachtlichen Brustumfang. Direkt vor mir wechseln sie die Richtung und einer läuft mir direkt vor die Füße. Ich kann unmöglich ausweichen und noch im Fallen über den dicken Hund hoffe ich, dass ihn das nicht so sehr verstimmt, dass er schlechte Laune bekommt. Weil der Hund im Weg ist, kann ich mich nicht mit den Händen abfangen, und lande unsanft mit dem Kinn im Dreck. Der Hund scheint mich kaum bemerkt zu haben, ist schon weiter gerannt. Sein Kollege schnuffelt ein wenig an mir rum, wird aber dann zurück gerufen. Ich setze mich auf und bin ziemlich benommen. Die Besitzer sind von der Sorte Neuköllner mit schlechten Zähnen. Eine Frau, die nicht dazu gehört, fragt, ob ich einen Arzt brauche, aber das verneine ich natürlich. Ich will nur ein bisschen sitzen und mich sammeln. Der Besitzer meint, kein Arzt, dann ist ja gut, wenn was ist, wir sind hier gleich in der Nähe. Er deutet unspezifisch hinter sich. Aha, in der Nähe denke ich, und ganz diffus kommt es mir vor, als sei das eher so eine mittelnützliche Auskunft. Die Frau reicht mir ein Papiertaschentuch, ich tupfe an meinem Kinn rum, das zwar weh tut, aber nur ein wenig aufgeschürft ist. Ich muss noch ein Weilchen sitzen und bin so richtig froh, dass mir an den Beinen nix weh tut – die Knie sind ja auf dem Hund und erst danach auf dem Boden aufgeschlagen. Ich bewege Arme und Beine durch und finde, dass ich Glück hatte. Die Hunde und ihre Herrchen sind weg, die Frau begleitet mich noch bis zu nächsten Ecke, wo ich erstmal in die Eckkneipe abbiege, um mir das Gesicht zu waschen und den Sand aus dem Mund zu spülen. Dort sitzen drei ergraute Zausel am Tresen, trinken Bier und rauchen. Der Wirt sieht genauso aus. Mein Satz „Ich bin über einen dicken Hund gefallen, darf ich mal Ihre Toilette benutzen und mir das Gesicht waschen?“ kommt mir schon in dem Moment, als ich ihn sage, reichlich bescheuert vor. Im Spiegel sehe ich, dass mein Kinn zwar um einiges größer ist als normal, aber wenn man mich nicht kennt, fällt das sicher gar nicht auf. Ich wasche mir das Gesicht, trinke ein bisschen Wasser aus dem Hahn, und bedanke mich anschließend beim Wirt. Draußen beschließe ich, wieder zu laufen (nicht ohne an die Ultraheldinnen und -helden zu denken, die viel schlimmer gestürzt und einfach weiter gelaufen sind, ohne sich groß anzustellen).

Tja, und jetzt sitze ich hier, das Kinn hat inzwischen die Farbe gewechselt und eine Beule nach unten bekommen. Macht nix, morgen ist kein Kundenkontakt, und in zwei Tagen habe ich sowieso Urlaub. Und ehrlich: ich bin immer noch froh, dass das Fahrgestell überhaupt nichts abbekommen hat.

Laufen unterwegs – Warschau

Um kurz vor acht stehe ich vor dem Lift. Hier herrscht schon der morgendliche Auscheck-Andrang. Leute stürzen sich samt Gepäck hinein, obwohl es noch nach oben geht. Nein, da nehme ich lieber die Treppe.

Ich bin in Warschau. Weil Pfingstmontag hier ein ganz normaler Arbeitstag ist, fängt mein Kurs erst morgen an. Ich bin extra einen Tag früher angereist, um heute ein bisschen die Stadt anzuschauen. Vor dem Hotel links laufe ich direkt auf den Kulturpalast zu. Ich verstehe echt nicht, dass der Reiseführer (zugegebenermaßen von 2002) über das Gebäude lästert. Klar ist das sowjetischer Zuckerbäckerstil, aber ich find’s toll (mal sehen, ob ich da nachher noch die Aussichtsterrasse finde). An der Nordseite geht es durch eine kleine Parkanlage – es duftet nach Linden. An der großen Straße nach Norden ist schon sehr viel Fußgängerberufsverkehr. Im Zickzack gelange ich bis zur nächsten Ecke zum Eingang in den Park Ogród Saski. Sehr schöne alte Bäume spenden Schatten, das ist sehr angenehm, denn es sind schon über 20°C und mir ist gut warm (ich denke an Strider, die bei Hitze Rekorde aufstellt und komme mir vor wie ein Weichei). Ein Läufer kommt mir entgegen. Kurz überlege ich, einfach ein paar Runden hier im angenehmen Schatten zu drehen, aber das geht nicht, ich habe schließlich eine touristische Mission: Sightrunning ist angesagt.
Unter dem Pavillon des unbekannten Soldaten stehen zwei seiner Kollegen und halten mit aufgepflanzten Bajonetten Wache. Irgendwie befremdet mich Militärfolklore immer ein wenig. Bajonette, also wirklich… Der riesige freie Platz vor dem Grab ist komplett leer und fast halb so groß wie der ganze Park.

Geradeaus zwischen den Häusern durch sieht es aus, als käme da gleich nichts – also der Fluss. Da will ich hin. So gleich ist es doch nicht, zunächst geht es hinab ins Flußtal – eine lustige Straßenschleife (die Brückenbauingenieure hatten bestimmt Spaß damit) und parallel eine Treppe für unsereins führen bergab. Noch eine Ecke weiter fließt die Wisła. Zwischen mir und dem Fluss eine sechsspurige Fahrbahn ohne Überweg. Etwas weiter rechts sehe ich wieder grün und laufe darauf zu. Ich kann zwar queren und ein Stück parallel zum Fluss laufen – aber die ganze Uferpromenade ist eine einzige Großbaustelle. Wer hier am Wasser flanieren – oder laufen – möchte, sollte in ein paar Jahren wiederkommen. Der Weg führt jetzt auf einem schmalen Bürgersteig zwischen Bauzaun und rauschendem Verkehr auf die nächste Brücke zu. Hoffentlich ist die Treppe nach oben nicht hinter dem Bauzaun. Ist sie nicht. Auf den Stufen steht eine leere Flasche Wodka, auf die schön ordentlich ein Stapel kleiner durchsichtiger Plastikbecher gestülpt sind. Hier wurde zumindest zivilisiert aus Bechern gesoffen.

Nach links geht es jetzt Richtung Altstadt. Es ist nicht zu glauben, dass hier alles platt gebombt war und wieder aufgebaut wurde. Die Altbauten sehen unglaublich echt alt aus. Wunderschön. Es muss hier großartige Handwerker geben. Zunächst geht es wieder eine Treppe hinauf, und ich lande direkt auf dem Platz vor dem Königspalast. Rechts geht es in die Altstadt hinein. Ob das Kopfsteinpflaster wohl alt geblieben ist oder auch neu verlegt werden musste? Auf der Nordostecke der Altstadt hat man ein bisschen Aussicht über die Stadtmauernanlage. Jede Menge leerer Flaschen legen den Schluss nahe, dass man hier auf Pfingsten tüchtig angestoßen hat. Durch kleine Straßen kehre ich im Bogen zum Königspalast zurück. Ich bin furchtbar hungrig, und heiß ist mir auch.

Ich fummle den kleinen Stadtplan (aus der Juni-Juli-Ausgabe von „Warsaw in your pocket“ herausgerissen – lag im Hotelzimmer) aus der Laufhose und orientiere mich. Durch die Senatorska-Straße komme ich wieder zum Park, von da ist es nicht mehr weit. Der Kulturpalast ist ohnehin schon von Weitem zu sehen. Ich laufe etwas abseits der Hauptstraße und sehe plötzlich in den Boden eingelassenes Metall – ein mehrsprachig beschriftetes Bronzeband zeigt den Verlauf der Ghettomauer an. Daneben ein Stein mit einem bronzenen Stadtplan. Das Warschauer Ghetto war im Vergleich zur Gesamtfläche der Stadt richtig groß! Eine Informationstafel informiert über Größe, Einwohnerzahl und Geschichte. Ein sehr schönes und trauriges Denkmal, das mich viel mehr mitnimmt, als dieses bewachte Grab vorhin.

Noch um zwei Ecken, da ist schon das Hotel. Im Zimmer noch dehnen, duschen, und dann nix wie ran ans Frühstücksbuffet. Tourismus erster Teil ist absolviert. Jetzt kann der zweite kommen.

Zauberlauf

Schon kurz bevor der Wecker lärmt, spazieren die Katzen auf mir rum, schlecken an meinen Haaren und schnurren laut direkt neben meinem Ohr. Ich hab’s gern, außerdem wollte ich sowieso gleich aufstehen und vor der Arbeit laufen gehen.

Es ist kalt draußen, im Westen ist der Himmel noch dunkel. Die Beine sind von Anfang an leicht, der Plan erwartet eine Steigerung von 6:10 min/km auf 5:30 verteilt auf 8km. Ich laufe Richtung Tempelhofer Feld, und als ich durch den weiter westlich gelegenen Eingang am Columbiadamm trabe, liegt vor mir etwa menschhoher Nebel auf dem Feld. Die Stimmung ist herbstlichschön.

Der Blick nach links ist unglaublich: der Himmel ist ein einziges Leuchten aus türkis, himmelblau, rosa- bis orangeglühenden Wolken und Flugzeugkondensstreifen, und davor zeichnen sich wie ein schwarzer Schattenriss die Silhouette der Şehitlik-Moschee mit ihren zwei Minaretten, die alten Bäume des islamischen Friedhofs und daneben die Häuserzeile der Oderstraße ab. Weit weg bläst ein Schornstein dicke Schwaden in die Luft, aber auch das sieht als Umriss wunderschön aus. Diese Farben! Ich bekomme Gänsehaut und bin plötzlich ganz gerührt. Ich biege rechts auf den Rundweg ab, die Steinfassade des Flughafengebäudes fängt an, rosa zu leuchten. Noch brennen die Straßenlaternen auf dem Tempelhofer Damm und im Süden an der Autobahn vor dunklem Hintergrund. Eine S-Bahn, die auf dem Ring fährt, leuchtet golden. Aus dem Nebel taucht ein Paar mit Hund auf, die obere Hälfte der Menschen ragt schon schwarz aus dem Dunst, die untere ist unscharf grau, genau wie der Hund. Die Müllcontainer, die weiter weg am Rand der Landebahn stehen, sehen aus wie Kühe im Nebel. Es läuft wie von selbst, die Umgebung ist so schön, dass ich schon wieder ganz ergriffen bin. Ich muss an den Marathon denken. Am Sonntag, das sind nur noch vier Tage, ich bin aufgeregt, aber dieses Mal sicher, dass es toll wird. Bilder vom ersten Mal kommen mir in den Sinn.

Am Zaun des Hundeauslaufgebiets hängen weiß betaute Spinnennetze wie Weihnachtsdeko, und der wilde Wein der am Außenzaun des Geländes rankt, hat sich schon dunkelrot verfärbt. Einige Ahornbäume fangen an, es ihm nachzumachen. Das tut auch der Himmel, es wird heller, rosa wird zu gelb, bald muss die Sonne aufgehen. Das kann ich aber nicht sehen, denn ich bin inzwischen zu nah an Bäumen und Häusern. Links des Wegs sitzt ein Fuchs im nassen Gras. Soll ich langsamer werden? Er sitzt ganz still. Als ich wenige Meter von ihm entfernt einfach stehen bleiben muss – er ist so hübsch! – springt er mit allen Vieren gleichzeitig hoch, wendet in der Luft und schnürt dann gelassen davon.

Die Sonne ist inzwischen aufgegangen, sie spiegelt sich in den Fenstern des Flughafengebäudes und auf dem kugeligen Radarturm. Ich laufe weiter im Schatten, verlasse das Gelände und mache mich auf den Heimweg. Lilienthalstraße, Südstern, Körtestraße, schon da. Das war ein ganz verzauberter Lauf, der letzte nennenswerte vor dem großen Tag, und ich widme ihn allen, die am Sonntag in Berlin oder sonstwo starten werden: das wird toll.