Tschüß, Berlin!

Nein, ich ziehe nicht um, aber: Der Urmensch gibt auf. Nicht ganz, aber für dieses Jahr. Es ist Quatsch, mir von Tag zu Tag Hoffnung zu machen, dass es morgen bestimmt überhaupt gar nicht mehr weh tun wird. Fakt ist: Die Fibula zickt, es tut weh, zwar nicht sehr, aber sehr präsent.

Ich bin jetzt mal vernünftig. Bin noch ziemlich geknickt, aber nächsten Sonntag wird vom Straßenrand gejubelt, was die Stimme hergibt. So, jetzt habe ich es öffentlich verkündet, jetzt bleibt’s auch dabei.

P.S.: *HEUL!!!*

Alberner Regentanz

Mit Five Fingers eine kleine Parkrunde mit Lauf-ABC ist der Plan. Als ich auf dem Balkon Garmine starte, ziehen sich am Himmel schon dicke, dunkle Wolken zusammen. Im Treppenhaus fächelt die Nachbarin sich Luft zu „Sie gehen jetzt aber nicht Joggen?“ – „Doch, aber ganz langsam“ – „Na dann viel Spaß“ Der Ton sagt ganz deutlich, was sie vom Wetter und vom Sport und ganz besonders von der Kombination von beidem hält.

Die Strecke geht einmal um den Fennsee, dann, wo immer es geht, über den Rasen, dann über die Brücke über die Bundesallee. So langsam halte ich Ausschau, wo die Dichte an Fußball-, Federball- und Holzklötzewerfspielenden es erlaubt, dazwischen herum zu hopsen (kennt eigentlich jemand dieses Holzklötzespiel? Ich sehe es in letzter Zeit öfter, verstehe aber vom Zuschauen die Regeln nicht). Letztendlich erweist sich das mit dem Platz aber als ganz einfach. Als ich nämlich die Schuhe ausziehe, fallen die ersten Tropfen. Innerhalb von Minuten verdichten sie sich zu einem gleichmäßigen, warmen Sommerregen, alle Spielgeräte werden weggepackt, die Leute verschwinden ganz schnell, und ich habe die Wiese für mich alleine. Nur auf einer Bank unter Bäumen sitzen zwei junge Männer, gegenüber hat sich ein Paar mit Fahrrädern untergestellt und auf meiner Seite stehen ein paar Leute mit zusammengepacktem Picknick unter Regenschirmen.

Zwischen diesen drei kleinen Zuschauergrüppchen, die wirklich nichts anderes zu tun haben, als beim Warten in meine Richtung zu schauen, hopse ich barfuß im nassen Gras herum. Ich fühle mich ein bisschen wie Pippi Langstrumpf beim Blumen gießen. Wobei der Vergleich hinkt, denn Lauf-ABC mit oder ohne Regen hat vermutlich dieselbe Wirkung, aber das fiel mir halt ein. Hopserlauf, Käsekästchen, Knieheblauf, Anfersen, Rückwärtslauf, seitlich mit und ohne Überkreuzen, Einbeinsprünge in alle Richtungen, und an was ich mich sonst so erinnern kann. Vom Mützenrand tropft es, an Armen und Beinen läuft das Wasser herab, es ist warm, es ist schön, es sieht bestimmt völlig bescheuert aus, macht aber einen Heidenspaß. Um genau zu sein, hebt der Regen den Spaßfaktor enorm. Vielleicht bestelle ich mir fürs Lauf-ABC jetzt immer warmen Sommerregen.

Laufen auf Reisen – Hibbeln

Der Priester der nahegelegenen Kirche weckt mich schon um halb sechs mit lautem „Aaaäää-öööö“ (das haben wir alles dem Heiligen Yared zu verdanken, der sich von den Vögeln das Singen abgeguckt hat), aber ich wollte ja sowieso mein letztes lockeres Läufchen vor Tag X machen.

Hawassa oder Awassa, da sind sie sich hier nicht so ganz einig, hat breite, zum Teil palmenbestandene Straßen, breite Gehwege für Fußgänger (die leider manchmal an tiefen, normalerweise mit Betonplatten abgedeckten Abwassergräben abrupt enden, blind möchte ich hier nicht sein) und an der Hauptstraße sogar Fahrrad- oder eher Tuktukspuren. Die Nebenstraße, an der unser Hotel liegt, ist nicht asphaltiert.

Es ist kurz nach sechs. So viele Läufer und andere Frühsportler wie in Hawassa habe ich noch nirgendwo sonst hier gesehen. Und die hier spotten auch nicht, wenn sie mich sehen, von den meisten bekomme ich ein Daumen hoch, viele grüßen. Eigentlich hatte ich damit gerechnet auch einige Blassnasen zu sehen, die morgen mitlaufen, es sind aber keine unterwegs.

Auf den Bäumen sitzen unglaublich viele, unglaublich hässliche, große Marabus. Da, wo die Straße am See als Sackgasse endet, und jetzt noch keine Autos fahren, staksen sie auch auf der Straße herum. Sie lassen sich von den dort besonders zahlreich vorhandenen Frühsportlern überhaupt nicht stören. Meine Güte sind die aus der Nähe hässlich.

Ich kehre um und laufe die Straße parallel zum See. Die Beinchen wissen noch, was zu tun ist, aber es ist nach den Tagen in den Bergen sehr schwül und drückend. Leider ist der tolle Effekt, dass ich jetzt von über 3000 auf 1700 m abgestiegen bin, überhaupt icht zu merken. Egal, der Lauf morgen soll ja in erster Linie Spaß machen.

Frauen fegen die Straße. Als ich an einer vorbeilaufe, sagt sie „Aisosh“ – hey, das verstehe ich, das haben die netten, amharisch sprechenden israelischen Volunteers mir beigebracht. Es wird mit „be strong“ übersetzt und ist vielseitig einsetzbar: als Aufmunterung, zum Trösten, zur Ermutigung, zum Anfeuern. Ich freu mich riesig über diese Motivationshilfe, und vor allem, dass ich dieses Lieblingswort meiner Reisebekannten im Einsatz erlebt habe. Zu Männern muss man übrigens „Aisoh“ sagen.

Noch bis zu diesem großen Baum da vorne, das muss für heute reichen. Auf dem Baum streiten sich kleine Äffchen. Ich schaue kurz zu und drehe dann um. Ein entgegenkommender Läufer winkt mir zu und ruft „We’ll meet tomorrow“ – „Yes, we will“ antworte ich und bekomme sofort einen Hibbelschub.

Vor dem Hotel angekommen höre ich laute Partymusik. Um diese Zeit? Der Parkplatzwächter sagt „Church“ und tatsächlich, gegenüber hängt ein großes Schild über einer Toreinfahrt „Chapel of Winners – Home of Signs and Wonders“. Da drinnen singen und klatschen sie zu einem in meinen Ohren wenig sakralen Disco-Beat. Vielleicht sollte ich bei denen ein Kerzchen anzünden, damit das morgen gut geht. Aber dann gehe ich doch lieber noch eine besonders gründliche Runde dehnen.

Inzwischen haben wir im Haile Resort meine Startunterlagen abgeholt. Es wird ein Drei-Runden-Lauf, der an der St. Gabrielskathedrale beginnt und endet. Das ist hier ganz in der Nähe, so dass ich morgen früh vom Hotel aus hinlaufen kann. Ich habe es mir vorsichtshalber schon mal angesehen, da wurde gerade der Zielbogen vor dem Aufstellen von einem kleinen Jungen mit dem Lappen abgestaubt. Gleich gibt es Rahmenprogramm an der Uferpromenade, da soll Musik spielen. Morgen früh um 6:30 fällt der Startschuss. Ihr lest dann wieder von mir…

Laufen auf Reisen – Antilopen und Warzenschweine

Nein, die Reise ist noch nicht zu Ende. Ich bin nach Addis zu meinen Freunden zurück geflogen, damit wir gemeinsam weiter reisen können. Dieses Mal haben wir den Landrover vollgepackt und sind am Dienstag nach Süden aufgebrochen. Ziel ist der Bale National Park, wo wir im Harenna Forest zelten wollen.

Die erste Nacht dürfen wir im Haus des Projektmanagers der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt übernachten. Das ist ein Ire, der gerade auf Dienstreise in Kenia ist. Er hatte am Sonntag mit Frau und Töchterchen zusammen den Schlüssel vorbei gebracht. Das Haus ist rustikal mit rohem Holz auf einem Steinsockel gebaut, außerhalb des niedrigen Gartenzauns sehen wir gleich bei der Ankunft eine Herde Warzenschweine.

Kurz nach halb sechs laufe ich los. Eine Stunde habe ich noch vor Sonnenuntergang. Hier im Park gibt es keine Tiere, die Läuferinnen fressen, auch die Wölfe nicht. Die sollen ziemlich klein und scheu sein, außerdem gar nicht hier, sondern auf dem Hochplateau leben, über das wir erst morgen fahren. Hoffentlich sehen wir dann welche. Erstmal den sehr holprigen Weg zurück, dann folge ich einem Wegweiser zur Lodge. Da sitzen ein paar Einheimische rum, die ich frage, wo ich mal langlaufen soll. Sie deuten bergauf. Ich folge einem Wegweiser zur Camp Site. Es geht steil bergauf, ich bin total langsam und schnaufe mal wieder. Dennoch fühlt es sich um Längen besser an als vor einer Woche noch, obwohl wir hier über 3000 m hoch sind. Vor mir steht plötzlich eine kleine Antilope, sie hat niedliche nach außen gebogene Hörnchen. Das muss ein Bock sein, denn er ist in unbehörnter Begleitung von zwei weiteren Tieren, die ich daher für Weibchen halte (inzwischen erfahren: es sind Bush Bucks). Sie sind so nah! Höchstens fünf Meter, das ist nicht mehr als die Länge eines Paddelboots. Ich bewege mich langsam, aber die haben anscheinend gar keine Angst. Erst als ich vorbei bin, trabe ich wieder an. Herr Steffny sieht für heute die letzten Intervalle vor, aber das ist hier wirklich nicht zu machen. Vielleicht hilft Höhentraining ja auch.

Von dem freien Platz, wo man zelten kann – es sind aber keine Zelte da – ist die Aussicht unbeschreiblich schön. Sorry, da fehlen mir die Worte, Abendlicht über einer Wahnsinnsberglandschaft, dieses Mal vermisse ich die Kamera sehr.

Der Fahrweg hört schon wieder auf, aber ein Fußpfad führt zwischen stacheligen Büschen hindurch. Dei Blätter sind gewellt, ähnlich wie bei Eichen, sie sind extrem stachelig und haben tomatenförmige gelbe Früchte. Da alle noch dran hängen, obwohl sie eigentlich reif aussehen, vermute ich, dass man nichts sinnvolles mit ihnen anfangen kann. Ich muss ziemlich aufpassen mir nicht die Beine zu zerkratzen oder die Hose zu zerreißen. Unter riesigen Bäumen endet der Pfad und ich laufe zurück. Zwischen den Büschen bricht eine Rotte Warzenschweine hervor. Einige haben furchterregende Hauer. Nein, das war gelogen, sie haben zwar beachtliche Hauer, aber irgendwie sind sie einfach nur niedlich. Niedriger, aber etwas länger als unsere Wildschweine, jedenfalls fürchte ich mich kein bisschen, sondern bin nur begeistert.

Ein Stück weiter unten steht eine andere Antilope, viel größer, vielleicht so hoch wie ein kleines Pferd? Die Hörner sind viel länger als bei dem einen Böckchen vorhin, ragen steil nach oben und sind etwas nach außen gedreht. Zwischen den Augen verläuft eine weiße Linie, so dass es aussieht, als würde das Tier eine Brille tragen. Eine sehr intellektuell dreinblickende Antilope, die gemächlich zwischen den Bäumen verschwindet, als sie mich sieht. Inzwischen werde ich schon kaum noch langsamer, wenn ich Tiere sehe, es sind einfach so viele! Aber ich freu mich wie ein kleines Kind über jedes einzelne.

Ein Wegweiser zeigt zum Web Valley, der Weg endet an einen Eisentor, durch das gerade zwei Mädchen mit Reisigbündeln auf dem Rücken durchgehen. Ich gehe mit durch, sie lachen sich schlapp über mich. Vielleicht weil, wie Teddy gesagt hat, so viele Spitzenläufer hier aus der Nähe kommen? Es geht auf einem weichen, mit schönem, grünem Rasen bewachsenen Weg leider steil abwärts. Ich laufe durch eine Schaf- und Ziegenherde, die mir das wesentlich übler nimmt als die Warzenschweine und Antilopen eben. An einem Flussbett angelangt, stelle ich fest, dass die Sonne bereits hinter den Bergen verschwindet. Wer weiß, wie lange es noch hell bleibt, also mache ich mich auf den steilen Rückweg. Ein kleiner Junge mit einer Gerte in der Hand läuft mit mir um die Wette. Plötzlich sind da drei Hunde, die uns leider gar nicht ignorieren, sondern böse die Zähne fletschen. Der Junge schreit was und schwingt seine Gerte, die Hunde weichen zurück. Sicherheitshalber hebe ich auch einen dünnen Stecken auf, aber sie folgen uns nicht. Wir laufen wieder bergauf, er immer neben mir her. Er könnte viel schneller sein, das ist deutlich zu sehen. Die Mädchen mit den Reisigbündeln sind immer noch da und kichern wieder. Außerhalb des Tors zum Park bleiben die drei zurück. Jetzt geht der Weg nur noch bergauf. Das ist immer noch anstrengend. Sehr. Am Parkplatz von H.s Landrover stoppe ich die Uhr und gehe die Stufen zum Haus hinauf. Die Sonne ist weg, die Dämmerung setzt ein, und die ist hier sehr kurz. Vielleicht schaffe ich es ja morgen früh noch einmal loszuziehen…

Laufen auf Reisen – im Dunkeln ist es öd

Der Flieger zurück nach Addis geht um neun, d. h., der Flughafenshuttle um sieben, und wenn ich vorher laufen will, muss es wohl so früh wie gestern sein. Immerhin weiß ich schon, dass ich es nicht zum Fürchten finde, im Dunkeln zu laufen. Diesmal ohne Verabredung. Ich wecke wieder den Torwächter und laufe los. Im Dunkeln ist es ziemlich langweilig. Ich muss auf der Hauptstraße bleiben, es ist ziemlich leer, bzw. einfach öd, Fußgänger zu überholen, die nichts anderes tun als zu Fuß zu gehen, oder von Tuktuks überholt zu werden, die einfach nur tuckern. Ich sehe wenige Läufer, zwei recht flott, einer eher gemächlich, heute leider keinen, der schwebt. Trotzdem ist es langweilig. Am Ortsende, wo die Straßenlaternen aufhören, kehre ich um, laufe zurück, am Hotel vorbei, bis auf der anderen Seite zwar nicht die Laternen aufhören, es mir aber zu einsam wird. Wieder zurück in die erste Richtung. Es ist immer noch dunkel und immer noch langweilig. Ich bin ein bisschen genervt, dass die paar Fahrzeuge so furchtbar stinken.

Kurz vor Schluss gibt es noch in kleines Highlight. Vor mir laufen zwei Jungs in Trainingsanzügen sehr gemütlich. Ein Dritter begleitet sie auf dem Rad und sie plaudern die ganze Zeit. Ich wundere mich ein bisschen, dass sie so langsam sind, denn sie laufen einfach schön. Dennoch komme ich ganz allmählich näher. An der Kirche passiert es einfach so: sie müssen stehenbleiben, um sich zu bekreuzigen, ich ziehe vorbei. Aber wupp, sind sie wieder da und der eine erzählt mir einen vom Pferd: dass sein Kumpel der schnellste 5000-Meter-Läufer von Äthiopien sei, er der beste Halbmarathonläufer. Außerdem würden sie nach London fahren zu Olympia. Sein Name sei Tiger. Ehrlich gesagt, habe ich nach der Erfahrung von gestern und einigen anderen Begegnungen in Bahir Dar, die eher touristischer Natur waren, kein Wort geglaubt, aber achtet mal darauf: falls ihr von einem Spitzenläufer mit Spitznamen Tiger hört, mit dem bin ich ein Stück gelaufen. Und vor dem Hotel habe ich die kumpelhafte Variante der äthiopischen Verabschiedung bekommen, dabei reicht man sich die rechte Hand, zieht das Gegenüber zu sich heran, und stößt auch noch leicht mit der rechten Schulter aneinander. Aber auch wenn ich mir darauf nicht später mal was einbilden kann, war diese Begegnung zumindest spaßig.